Samstag, 17. März 2012

Pandämonisches Manifest

Samstags steige ich auf die Ulme, die nur meinetwegen so gewachsen ist, und bestaune die fehlgeleitete Architektur in der Ferne. Bilderpeitsche des Kapitals. Maßlos, die Korrekturbemühungen, die Kunst, aus Graphit und Verfall. - Eisberghaus, Wasserfallhaus, Reihenhaus. Das Material für den Übergang verstopft die Lager.

Dann: Alkohol auf der Seenplatte, Zeitenwende, Entnazifizierung einer Kuhweide und über die alten Idole mit dem Hubschrauber hinwegfliegen. Heute ins Museum, d'accord?

Und Du fragst mich: Woran erkennt man, dass es Kunst ist?

Und ich antworte: Wenn man ein Baby davor setzt, weint es.

Und dann lachen wir wild, schießen auf Plastiken, zünden Bilder an, sprengen das Magazin, fälschen die Signaturen, signieren die Fälschungen, verwüsten die Räume und räumen die Wüste.

Salven und Detonationen hallen von den gläsern spiegelnden Fronten des Bankenviertels wider, Feueratem drückt heiße Luft durch die Straßenschluchten,  goldener Flammenschein streichelt den Fluss. 

Du zwinkerst mir zu und flüsterst verschwörerisch: Wieder ein Tag am Rande der Gesellschaft – aber, hey, zum Glück sind wir bewaffnet!

Freitag, 16. März 2012

Gestern

Indische Flugenten stehen auf dem Campus Spalier
Während ich meinen Kaffee trinke
Die neuen Schuhe klackern auf dem Steinweg
Und ein kleines Mädchen im Feenkleid lacht
Wenig überraschend: Der Entgeltnachweis
Auch gültig als Verdienstbescheinigung
Auf dem Rückweg im Auto mit offenem Fenster
Missmutige Menschen in großen Wagen
Brennende Büros im verblassenden Licht
Dann: Mainspaziergang, Antilopen in der Abendsonne

Dienstag, 13. März 2012

Epitaph für ein armes Schwein

Danke, Marktkauf! Hätte ich nicht ohnehin vor einiger Zeit den Schweinchen den Laufpass gegeben, ihr hättet mich bestimmt überzeugt. Allerdings kann man so ein halbes Schwein ja auch für alle möglichen anderen Sachen nutzen: Schießübungen, Karnevalsmaskierung, als kleinen Erschrecker, zum Schmusen, als "bessere Hälfte" für nekrophile Sodomisten usw.

Aber mal ernsthaft: wie pervers ist eine Welt, in der man für 1,50 € ein Kilo Lebewesen bekommt? Mit Kopf!

Montag, 12. März 2012

Kleines Literaturrätsel (III) - Wer bin ich?

Die Welt ist voller Dinge, die sich zueinander verhalten – und ich war das Ding, was sich anders verhielt.
Ich wurde untersucht - versteht mich nicht falsch, ich war freiwillig gekommen, doch nur um zu erfahren, dass der Defekt vorlag, ich bin „negativ“, offensichtlich veranlagt. – Ich wurde Teil einer Liste.
Nachdem alles vorbei war, sagten sie, ich hätte den Kontakt zur Wirklichkeit verloren, ich sei in einer pathologischen Identifikation gefangen, doch sie waren es schließlich, die mir diesen Namen gaben!
Ich weiß nicht, ob das wirklich der Grund dafür war, dass ich, ganz Mann des Geistes, einige nicht unerhebliche Morde beging. Mit chirurgischer Präzision erledigte ich Sokrates, nahm Kant aus der Welt, vernichtete Descartes, das Schwein. Doch das alles ist mir nicht genug: Shakespeare wartet. Er soll der nächste sein.
Und wer sollte mich auch aufhalten? Ich habe schließlich selbst Zerberus überwunden!

Samstag, 10. März 2012

Ironie des Schicksals

Dies hab ich eben beim Blättern in Genets "Tagebuch eines Diebes" gefunden. Da vor langer Zeit als Gebrauchtbuch erworben, kann ich nicht sagen, wer der Verursacher war, obwohl zu diesem Ende sowieso besser ein anonymer Deus ex machina passt.

Anbei ein eher theoretischer Auszug aus Genets sonst heftig-brutaler, sehr lesenswerter Schrift:
"Diese furchtbare, gefürchtete Ordnung, deren einzelne Elemente ausnahmslos in strengem Zusammenhang untereinander standen, hatte nur einen Sinn: mein Exil. Bis dahin hatte ich ihr heimlich, im Dunkeln, zuwidergehandelt. Nun wagte ich, in sie einzudringen, wagte zu zeigen, dass ich sie angriff, indem ich diejenigen schmähte, die sich ihr fügten. Indem ich mir ein Recht darauf zuerkannte, erkannte ich zugleich meinen Platz im Gefüge."

Doch zurück zur verstorbenen Genet-Leserin, zu deren Ehren ich gerne William Blakes "The Fly" rezitieren möchte:

Little Fly,
Thy summer's play
My thoughtless hand
Has brushed away.

Am not I
A fly like thee?
Or art not thou
A man like me?

For I dance
And drink, and sing,
Till some blind hand
Shall brush my wing.

If thought is life
And strength and breath
And the want
Of thought is death;

Then am I
A happy fly,
If I live,
Or if I die.

Donnerstag, 8. März 2012

Détruire dit-elle

Freiheit finden in der Wahl der Waren, die unser verschwindendes Selbst immer 'authentischer' werden lassen. Die Balance aus Depression und Konsum, die Sublimation in bunten Objekten, in Facebook-Postings und Blogs, die ein zersplittertes Ich weiter als Einheit behaupten sollen, wo gar nichts mehr ist.
Sich in Knechtschaft Dinge wünschen: ein Begehren aufrechterhalten, um nicht aufzubegehren. Nur noch Körper sein zwischen Konsumption und Produktion. Die Machtverhältnisse als Spitze der Nahrungskette und Ende der Warenkette lange internalisiert haben. Im Bewusstsein der ständigen eigenen Sichtbarkeit zugleich Normalität und Alterität produzieren. Den Panoptismus nicht mehr fürchten, sondern genießen, sich in der Unterwerfung einrichten. Mit ihm die Machtstrukturen mechanisch, automatisch, geräuschlos in sich eindringen lassen, bis in die Zusammenhänge der einzelnen Atome des Individuums. Die Überwachung im eigenen Handeln spiegeln. Repressionen unnötig werden lassen und damit paradoxerweise ihre Nichtexistenz beweisen können. 
Partisan und Dissident nur in dem sein, was uns Mode möglich macht. Sich zerstreuen in der Vielfalt der Unterhaltung, der Angebote, der gebotene Möglichkeiten. In schützender Überwachung im Bauch der großen warmen Maschine schlafen.
Fügsam bis zur Nützlichkeit in der Ordnung der selbst organisierenden Systeme, die Ökonomie der Kreisläufe steigern.

Die erzieherische Grenze zwischen Gesundheit und Wahnsinn, die uns allen sagt, wie’s richtig geht. Der psychopathologische Befund, der Anderes und Abweichendes als Krankes behauptet und dann marginalisiert. Das Gesunde zeigt uns die Deckelfolie auf den Joghurtbechern der bescheuerten Bifidus-irgendwas-Milchprodukte: die weißen Rollkragenpullover, die fröhliche Reproduktion, das Lachen in Photoshop.

Wir alle wissen, was Glück ist: die Gesundheit, die Arbeit, der Fleiß, die Kaufkraft, die Bildung, die Abrichtung, die Dressur.

Fuck you!

Dienstag, 6. März 2012

The Doors of Perception

Er klingelt nachts bei mir und flüstert: „Hey, wie sieht‘s aus? Mit Kerouac das Bewusstsein chemisch erweitern, mit Baudelaire den weißen Milchsaft des Schlafmohns trinken oder mit Novalis die schweren Flügel des Gemüts im Opiumrausch heben und des Mandelbaums Wunderöl besingen. Na? Wie wär’s?“

Und mal ehrlich, wer von euch hätte da „Nein“ gesagt?!

Als wir dann unterwegs sind, grummelt er: „Sie haben die Welt zubetoniert und überall die gleichen H&M-Filialen eröffnet, das kann man sich einfach nicht mehr schönsaufen. Es ist doch schlimm genug, dass wir Johnny Cash überlebt haben. An dem Tag hätte man einfach abtreten sollen!“

„Mal ruhig“, sage ich, „Frühlingszeit ist Bastelzeit und wir bauen uns jetzt so eine Art Metro in den Kopf und da steigen wir dann ein und schauen mal, ob da ein Licht am Ende des Tunnels brennt.“

„Alter!“, sagt er, und wieder: „Alter!“ Und dann noch: „Du weißt sowas von Bescheid, Mann!“

Später sitzen wir in der Metro und schauen raus. Es rauscht und blitzt und wir fahren durch Räume voller Dinge und Zustände, in manchen schneit es, in anderen liegt Laub, in einem macht ein Typ einen Kopfstand, der original aussieht wie Bret Easton Ellis, der sich als Holden Caulfield verkleidet hat. Gegenüber flitzt eine Halle voller Französischer ASMP-Lenkwaffen mit TN81 Sprengkopf vorbei, dann brennende Wälder, zwei Strandbars, ein Kino, in dem ein Film von den Marx Brothers läuft, Jane Fonda als Barbarella, die Beerdigung von Maguerite Duras – so geht’s Stunde um Stunde weiter und weiter down the rabbit hole.

Am Ende ist alles ruhig und dunkel, wie ausgeknipst. Die Stille ist so total wie die Abwesenheit jeglichen Lichts. Wir stehen vor einer völlig schwarzen Wand und er sagt: „Jetzt ist es soweit. Setz‘ die Sonnenbrille auf!“

Samstag, 3. März 2012

Kleines Literaturrätsel (II) - Wer bin ich?

Ein spitzer länglicher Metallstab macht seinen Weg durch die Luft, schneller und schneller – und verfehlt nur knapp den einen,  der zwei Vogelarten miteinander verwechselte, bevor er sich aus dem Schlafzimmer stahl. Drei Geschichten erzählt er mir später, und in der letzten der drei spricht endlich der Vogel und gibt sich zu erkennen. War es Mutterliebe oder ein Traum? - das frag ich mich, nachdem er mir von alledem berichtete und sich über den Zusammenhang ausschwieg.
Ich kenne ihn von früher, als wir beinahe noch Kinder waren.

Freitag, 2. März 2012

Eine Fledermaus
Hat sich auf mein Herz gesetzt
Und sich mit den Füßchen verheddert
In all den Datenkabeln, die da liegen
Und ich hab ihr helfen wollen
Zwischen USB und HDMI und Digital Koaxial
sATA und ‘was Proprietärem von meinem komischen MP3-Player
Doch dann stellt sich heraus:
Sie hängt fest mit den Senkeln ihrer batmanmäßigen Schnürstiefelchen
Und die zieht sie aus und flattert und ruft
Barfuß fliegen ist eh viel schöner

Jetzt werdet ihr sagen
Das ist doch Quatsch
Das glauben wir nicht
Doch jeder, der mich besucht
Staunt über die ledernen Stiefelchen
Die so filigran sind
Dass man nicht einmal mit dem kleinen Finger hineinschlüpfen kann

Donnerstag, 1. März 2012

Adbusting, Subvertising, Culture Jamming (II)

Für diejenigen, die das Update im Artikel weiter unten noch nicht bemerkt haben: Neue Entdeckungen an der Adbuster-Front in PB :)




Mittwoch, 29. Februar 2012

Kleines Literaturrätsel (I) - Wer bin ich?

Das ist die Welt, die öde Sonne, die dunkle Gasse, hier von meinem Stuhl aus; kann mich nicht bewegen, doch was hält mich? Sind das Stricke? Oder Schatten von Stricken? Oder Schals? Verflucht, es sind Schals! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Schals! Und der Stuhl ist ein Schaukelstuhl aus feinstem Teakholz. Immerhin.
Es macht Spaß, hier nackt und gefesselt in meinem Stuhl zu sitzen, genauer: es macht meinem Körper Spaß. Und mein Geist? Hm, mein Geist ist eine große Hohlkugel, hermetisch abgeschlossen vom restlichen Universum. Allein, mit meinem Körper hat der Geist zuweilen Austausch, da gehen Wege hin und her. Aber ist das schon Bewusstsein? Na, zumindest reicht es für die Parodie vernünftigen Verhaltens, das nicht aus dem Rahmen potenzieller Seinsweisen eines Körpers in der Welt fällt. Und diese Welt? Die ist doch nur eine heterogene Stimulation. Für mich ist die Zeit gekommen, ja, es ist Zeit, in meinem Geist zu leben.

Weiß: E2-E4

Sonntag, 26. Februar 2012

37.292.862

Laut DIE ZEIT hat die geheimdienstliche Überwachung privaten E-Mail-Verkehrs in Deutschland deutlich zugenommen. Dabei wurden - zitierten Berichten des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages zufolge - im Jahr 2010 insgesamt 37.292.862 Mails nach etwa 2000 Schlüsselwörtern durchsucht und bei Worthäufung kontrolliert. Das ist eine Verfünffachung der Kontrollen im Vergleich zum Vorjahr.
Angeblich waren 213 der Mails als Hinweis dienlich, wobei nicht ersichtlich ist, als Hinweis wofür, denn für diese Verletzung der Privatsphäre unzähliger Bürger wird natürlich nicht tatsächlich Rechenschaft abgelegt. Aber wir alle erinnern uns ja noch an die vielen verhinderten Anschläge in diesem Jahr! Und überhaupt: die totale Bedrohung durch die bösen, bösen Terroristen.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird dieser Blogeintrag kontrolliert, wenn ich z.B. erwähne, dass ich nicht plane eine Bombe zu bauen oder mir einen falschen Pass zu beschaffen, weil ein Anschlag natürlich kein probates Mittel zu Bewusstseinsveränderung der Massen ist, wobei ich vielleicht doch größere Mengen Kunstdünger bestellen würde, weil ich überraschend zum Landwirt geworden bin, oder eine große Anzahl Autobatterien, weil sich mein Fuhrpark unvorhergesehen erweitert hat. Eine konspirative Wohnung bräuchte ich allerdings kaum, als potenzieller Einzeltäter. Vielleicht aber eine Rakete oder irgendwas mit Atom.

In verschiedenen Nerd-Foren werden bereits Vorschläge diskutiert, um in Zurückgewinnung der Privatsphäre das System endgültig ins Leere laufen zu lassen: es geht um Auto-Mailer, die wild Stichwortlisten zum Thema Terrorismus versenden, - man kann für sowas ja auch mal ein Bot-Netz einspannen. Kurzum: "Spammt die Überwacher zu!"

Dabei ist eine solche großflächige und prophylaktische Überwachung natürlich sowieso verboten. Das Bundesverfassungsgericht formuliert:

"Die heimliche Infiltration eines informationstechnischen Systems, mittels derer die Nutzung des Systems überwacht und seine Speichermedien ausgelesen werden können, ist verfassungsrechtlich nur zulässig, wenn tatsächliche Anhaltspunkte einer konkreten Gefahr für ein überragend wichtiges Rechtsgut bestehen." (Urteil vom 27.2.2008, 1 BvR 370/07)

Allein: Wie soll man sich wehren, wenn man nicht weiß, dass die eigene Mail "fremdgelesen" wurde? Ein Möglichkeit wäre Transparenz. Man stelle sich vor, einige Mails, die man erhielte, wären mit dem Kommentar versehen: "In Verletzung Ihrer Grundrechte wurde diese Mail von Organen des Bundesamts für Verfassungsschutz analysiert."



Für alle, die glauben, Überwachung produziere Sicherheit, nochmal die wunderbare Erklärung aus Cory Doctorows noch wunderbarerem Buch "Little Brother" (Download hier):

>>Wenn du jemals auf die Schnapsidee kommen solltest, einen automatischen Terrordetektor zu bauen, dann solltest du erst mal eine bestimmte Mathematik-Lektion lernen. Sie heißt „Paradoxon vom Falsch-Positiven“, und sie ist ein Prachtstück.
Nimm an, es gibt diese neue Krankheit, sagen wir, Super-AIDS. Nur einer von einer Million Menschen bekommt Super-AIDS. Du entwickelst einen Test, der eine Genauigkeit von 99 Prozent hat. Damit meine ich, er liefert in 99 Prozent der Fälle das korrekte Ergebnis: „ja“, wenn der Proband infiziert ist, und „nein“, wenn er gesund ist. Dann testest du damit eine Million Leute.
Einer von einer Million Leuten hat Super-AIDS. Und einer von hundert Leuten, die du testest, wird ein „falsch-positives“ Ergebnis generieren – der Test wird ergeben, dass der Proband Super-AIDS hat, obwohl er es in Wahrheit nicht hat. Das nämlich bedeutet „99 Prozent genau“: ein Prozent falsch.
Was ist ein Prozent von einer Million?
1.000.000/100 = 10.000
Einer von einer Million Menschen hat Super-AIDS. Wenn du wahllos eine Million Leute testest, wirst du wahrscheinlich einen echten Fall von Super-AIDS ausfindig machen. Aber dein Test wird nicht genau eine Person als Träger von Super-AIDS identifizieren. Sondern zehntausend Leute.
Dein zu 99 Prozent genauer Test arbeitet also mit einer Ungenauigkeit von 99,99 Prozent.
Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven. Wenn du etwas wirklich Seltenes finden willst, dann muss die Genauigkeit deines Tests zu der Seltenheit dessen passen, was du suchst. Wenn du auf einen einzelnen Pixel auf deinem Bildschirm zeigen willst, dann ist ein spitzer Bleistift ein guter Zeiger: Die Spitze ist viel kleiner (viel genauer) als die Pixel. Aber die Bleistiftspitze taugt nichts, wenn du auf ein einzelnes Atom in deinem Bildschirm zeigen willst. Dafür brauchst du einen Zeiger – einen Test –, der an der Spitze nur ein Atom groß oder kleiner ist.
Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven, und mit Terrorismus hängt es wie folgt zusammen: Terroristen sind wirklich selten. In einer 20-Millionen-Stadt wie New York gibt es vielleicht einen oder zwei Terroristen. Vielleicht zehn, allerhöchstens. 10/20.000.000 = 0.00005 Prozent. Ein zwanzigtausendstel Prozent.
Das ist wirklich verdammt selten. Und jetzt denk dir eine Software, die alle Bankdaten, Mautdaten, Nahverkehrs-Daten oder Telefondaten der Stadt durchgrasen kann und mit 99-prozentiger Genauigkeit Terroristen erwischt. In einer Masse von 20 Millionen Leuten wird ein 99 Prozent genauer Test zweihunderttausend Menschen als Terroristen identifizieren. Aber nur zehn davon sind wirklich Terroristen. Um zehn Schurken zu schnappen, muss man also zweihunderttausend Unschuldige rauspicken und unter die Lupe nehmen.
Jetzt kommts: Terrorismus-Tests sind nicht mal annähernd 99 Prozent genau. Eher so was wie 60 Prozent. Manchmal sogar nur 40 Prozent genau. Und all das bedeutete, dass die Heimatschutzbehörde zum Scheitern verdammt war. Sie versuchte, unglaublich seltene Ereignisse – eine Person ist ein Terrorist – mit unpräzisen Systemen zu erkennen.
Kein Wunder, dass wir es schafften, so ein Chaos zu verbreiten.<<

Samstag, 25. Februar 2012

Le stade du miroir

Ich setze mich, sehe aus dem Fenster in den Hof, verfolge mit den Augen die Flugbahnen einzelner Schneeflocken und trinke. Plötzlich scheppert im Flur das Telefon. Vor Schreck verschütte ich meinen Kaffee. Die Stille ist gebrochen und der Nachhall des Bimmelns scheint in verwischten Intervallen aus allen Räumen widerzuklingen. Ich gehe nicht ans Telefon, ich warte bis der Anrufbeantworter sich einschaltet.
Am anderen Ende ist man nicht gewillt zu reden: Aus dem kleinen Lautsprecher dringt nur das leise Rauschen der wortlosen Verbindung. Sie wird mit vernehmlichen Knacken unterbrochen. Während der Anrufbeantworter die unbenutzte Cassette zurückspult, atme ich auf. Gerade als ich die Tasse wieder an den Mund setzen will, läutet das Telefon erneut. Die Maschine zeichnet ein langes Schweigen auf. Eine Weile überlege ich, ob der Hörer beim dritten Anruf von mir abzunehmen sei, doch nichts geschieht. Alles wird wieder zu Stille.
Die Flocken fallen, ich trinke Kaffee, es ist der Anfang von etwas.

Am Nachmittag mache ich mich allein auf den Weg. Immer wieder ziehen Wolken auf. In den Zwischenräumen erscheint die Sonne und wärmt.
Ich betrete eine Telefonzelle und wähle meine eigene Nummer. Nach ein paar Sekunden geht der Anrufbeantworter dran. Meine Stimme aus der Ferne zu hören ist befremdlich, so als sei ich nicht in meinem Körper. Ich spreche nichts auf das Band, schweige und hänge ein. Ich wiederhole das seltsame Spiel noch einmal. Meine Stimme, mein Schweigen. Bis die Automatik die Leitung unterbricht.

Schließlich setzte ich mich in ein Café. Dort bleibe ich vier Stunden. Nichts geschieht. Ich bin enttäuscht, denn ich habe gewartet. Auf mich.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Einfache Tage

In einem Haus am kalten Meer. Dort wohnte ich vor Jahren, als man mir noch die Scheiben einwarf und Hiro abends, bedächtig auf der Schwelle liegend, mich vom Schließen der Türe abzuhalten versuchte. Gebrochen klangen die Wellen herüber, als hielten sie in der größten Aufbäumung plötzlich inne, und dieses Spiel wiederholte sich im Handumdrehen.
Morgenluft strich herein und in der Küche dampfte immerzu der Kessel aus mattem Blech, der das kochende Wasser bereithielt.
Niemand wagte zu sagen, daß es kein glückliches Leben war, das wir führten, doch wir hatten uns aneinander gewöhnt, an das Meer, die Geräusche vom morschen Dach und die Eichhörnchen, die in der Rumpelkammer ihre Jungen zur Welt brachten.
Hiro wachte mit scharfem Verstand und schlafend über die Türe zur Veranda, streckte die Pfoten von sich oder legte sich zur Seite, um im Traum einen kurzen Sprint einzulegen, wobei er zappelnd leise Grunzlaute ausstieß.

Montag, 20. Februar 2012

Bereit, wenn Sie es sind, Sergeant Pembry

Wer glaubt wem? Was sind eigentlich Nachrichten? Und was ist Wahrheit? Agenturen melden, Medien reichern an, wiederholen, plausibilisieren, drehen sich im Kreis. 
Michel Houellebecq lässt in seiner Heile-Welt-Mär Ausweitung der Kampfzone den Erzähler erschöpft bemerken: "Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlichen Informationen." Das ist völlig richtig, weil "Information" zunächst gar kein qualitativer Begriff ist: Information ist - ganz neutral - nur eine Menge von Signalen, aus denen ein Empfänger Bedeutung entnehmen kann. Das hat mit Wahrheit nichts zu schaffen.
Die Informationen, die wir täglich bekommen, die sich als endloser Strom aus heißen und kalten Medien auf uns ergießen, sind für uns in keiner Weise überprüfbar, erscheinen oftmals nicht einmal plausibel. Dass jede Information zugleich Manipulation ist, ist seit jeher eine banale Erkenntnis, die man sich üblicherweise trotzdem nicht ständig bewusst macht. Wie sollte man auch in einer Welt überleben, deren Komplexität inkommensurabel geworden ist, ohne die tägliche Vereinfachung zu betreiben, oder sich ganz einfach im Datengeblubber treiben zu lassen.

Interessant ist ein Experiment zweier in Berlin ansässiger Medienkünstler, die mit Newstweek ein elektronisches Hilfsmittel vorstellen, um Nachrichten zu manipulieren: und jeder kann mitmachen im Desinformationskarussel, Media distortion für alle, die sich für schlappe 30 € einen kleinen Aparillo zusammenlöten, der sich dann an Internethotspots auf den Datenverkehr aufsetzt und mittels Software Schlüsselbegriffe im Textrauschen der Nachrichtenangebote austauscht. Das Beste: die Dinger sind sogar übers Netz fernsteuerbar. Man könnte also mit einer kleinen Datenkapsel ein ganzes Netzwerk (Flughafen, Universität etc.) unauffällig kapern und die Informationsmodulation bequem von zu Hause aus steuern. 
Man stelle sich News vor, in denen "Islamisten" durch "Christen", "Terror" durch "Liebe", "Bomben" durch "Küsse" und "Obama" durch "Assad" ersetzt wurde. Entsetzt starren die Leser durch ihr Browserschlüsselloch in eine Welt, die nun endgültig gar keinen Sinn mehr zu machen scheint. Oder doch? Der Slogan von Newstweek ist immerhin "Fixing the Facts!"

Links:

Samstag, 18. Februar 2012

Adbusting, Subvertising, Culture Jamming

Werbebotschaften überall! Im Netz gibt’s Adblocker, in der realen Welt nicht. Zudem: was erzählt man uns da eigentlich? Halten die uns für Idioten? Wer glaubt McDonalds, der AOK, irgendwelchen Versicherungen? Kaufen, wegschmeißen, Kaufen, Scheißen, Kaufen, Sterben. Inwiefern konstruieren Konzerne den öffentlichen Raum, in dem wir uns täglich bewegen?

Umberto Eco spricht von ‚semiotischer Guerilla‘, wenn wir die Zeichen umdrehen, die Pseudoinformation in Information verwandeln, unsere Störfeuer diesmal die Wahrheit funken. Wenn wir über den Zustand der Welt reden, sollten wir niemals vergessen: Nichts ist gesetzt, alles kann geändert, verändert, subvertiert werden. Den Raum der Schrift können wir jederzeit wieder besetzen, die Sprache gehört uns allen!

Jean Baudrillard schreibt: „Der Unterschied zwischen Sendern und Empfängern, zwischen Produzenten und Konsumenten von Zeichen muss total bleiben, denn in ihm liegt heute die wirkliche Form der gesellschaftlichen Herrschaft.“ – Was tun? Hilft wohl nur, zum Sender zu werden, Empfänger gibt’s ja wahrlich schon genug.

Kleine Wochenaufgabe: irgendeine öffentliche (Plakat-)Werbung in ihrer Aussage verändern, subvertieren – die Welt ist ein Text ohne Ende, wir alle können an ihm weiterschreiben, ihn ins Gegenteil schreiben, überschreiben.

Denn, wie sagte schon der gute alte Roland Barthes: „Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?“

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Update 23.02.: Das Plakat scheint ein Work in progress zu sein :-)






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Update 29.02.: Adbust-Mund tut Wahrheit kund :-)


Mittwoch, 15. Februar 2012

Der Tränen Lohn

Wie schön: die Deutsche Bank verdoppelt 2011 ihren Gewinn (nach Steuern: 4,3 Mrd. €) im Vergleich zum Vorjahr nahezu – und ist doch enttäuscht, weil man hinter den eigenen Prognosen zurück bleibt.
Ehrlich, ich bin ganz kurz davor, eine Mitleidsbekundung zu verfassen.

Vielleicht wäre noch mehr „Leistung aus Leidenschaft“ oder „Leistung, die Leiden schafft“ notwendig gewesen. Nicht umsonst warb das Bankhaus bereits 2008 wenig subtil mit dem Geschäft ohne Gewissen und legte dem geneigten Anleger die uneingeschränkte Freude an Hungertoten in der sogenannten Dritten Welt nahe:

"Freuen Sie sich über steigende Preise? Alle Welt spricht über Rohstoffe - mit dem Agriculture Euro Fond haben Sie die Möglichkeit, an der Wertentwicklung von sieben der wichtigsten Agrarrohstoffe zu partizipieren. Investition in etwas Greifbares." [Werbetext der DB]

Man darf gar nicht darüber nachdenken, dass man es sogar geschafft hat, diesen Text geschmackvoll auf Brottüten zu drucken, die in Frankfurter Bäckereien als Werbeträger erhältlich waren. Daneben Abbildungen von Weizen, Mais, Salz usw.

In der zugehörigen Broschüre wurde man dann deutlicher, sprach von „historisch niedrige[n] Lagerbestände[n] an Agrarrohstoffen", die im Zusammenhang mit „signifikant steigender Weltbevölkerung“ deutliche Renditen versprächen.

In Folge der Kritik von Foodwatch und Attac versprach Ackermann, das Rohstoffgeschäft nochmals zu überdenken und bis zum 31. Januar 2012 eine Endscheidung zu treffen. - Dieser Termin ist nun schon einige Tage verstrichen. Was bleibt, ist ein Aufschub.

Der Spiegel zitiert Sabine Miltner, Sprecherin der Deutschen Bank. Diese wolle nun „einen breiteren Ansatz als zunächst geplant [...] verfolgen und in den kommenden Monaten eine umfassende Studie zum Thema Handel mit Agrarrohstoffen und Hunger […] erarbeiten.“ Ackermann fügte später hinzu, man stehe "erst am Anfang" der zugesagten Überprüfung des Handels mit Agrarrohstoffen.

Klar, angesichts des mäßigen Geschäftsergebnisses von nur 4,3 Mrd. € kann man ja schlecht hastig aus so einem lukrativen Geschäft aussteigen. Und während die Deutsche Bank „denkt“, steigt die Zahl der Hungertoten – davon kalkuliert man pro Tag 25.000. Das sind seit dem 31. Januar fast 400.000 Menschen.
Ich könnte mich nicht zynischer fühlen, als beim Überschlagen einer solchen Zahl.



Zur weiteren Information:
Foodwatch-Report 2011
Factsheet DB von Misereor/Oxfam

Sonntag, 12. Februar 2012

Freds altruistischer Entschluss

Ich geh jetzt ein Organ spenden, sagt Fred und wir anderen kucken ihn etwas verunsichert an.
Wie? Organ spenden? Jetzt sofort? Aus dem lebenden Körper und so?, sagt dann endlich Marie und sieht dabei in ihrer Verwirrung ganz zauberhaft aus.
Ja klar, jetzt sofort und aus dem aktuellen Körper, sagt Fred. 
Und an was hast du dabei so gedacht, frage ich.
Naja, zum Beispiel meine Kiemen, die brauch ich ja kaum noch, ich geh eh so selten schwimmen und wenn doch, Mann, Lungenatmung funktioniert absolut.
Aha, nicken wir bedächtig, ja okay, Kiemen ist auf jeden Fall drin. Aber pass auf, dass sie dir sonst nichts rausschneiden.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Pop

Einer sitzt hinten im Wagen, weil ja immer einer ganz hinten sitzen muss und dafür darf der dann sagen, was vorne gespielt wird und er sagt Kollektiv Turmstraße und das hören wir dann und alle brummen selbstvergessen ein tiefes OHHHHHMM, wie ein einziger großer Resonanzkörper.
Das ist ja eben Pop, sagt er, wenn alle dazugehören können, aber da meine ich, Pop sei schließlich auch, nicht dazuzugehören und überhaupt hätten wir heute zu selten Boycott everything von Bonaparte gehört und die anderen sagen, dass wir das schon mindestens soundsoviel Mal gehört hätten, aber dass es ja kaum schaden würde, sich das nochmal anzuschauen, was da so geht und was es dann bedeutet.
Irgendwie ist die Straße glatt, wir gleiten dahin und wir hören den Song und einer zieht die Handbremse und wir drehen uns ein oder zwei Minuten und der auf dem Beifahrersitz hat einen Einkaufskorb auf dem Kopf und zuckt zu den Beats und in dem Moment als alle mitzucken, stehen wir plötzlich und die Musik ist aus.
Vier Augenblicke später schwebt in völliger Stille der Schnee auf uns hernieder, setzt sich auf die Windschutzscheibe, während der Wind innehält und die Erde tief einatmet. Und wir steigen aus und staunen und öffnen die Münder und schmecken auf der Zunge die streng hexagonale Struktur der Flocken.

Dienstag, 7. Februar 2012

Das Rauschen der Wörter in Räumen, die sich dagegen aufbäumen,
deren Wille zur Stille, zur Null, zur Linie auf dem Bildschirm,
sie ausbleicht, sie weiß streicht, die Leere aufreißt.

Es entsteht ein Loch, ein Gegenraum ohne Ausdehnung,
unvermessen, drinnen gibt's keine Adressen, keinen Wohnraum,
keine Miete, keine Fenster, kein Raus - nur rein.

Darin verschwinden alle Wünsche, entgleiten präzise Formulierungen und Buchstabierungen, rattern die Sätze wie U-Bahnen ins Schwarze, ins Dunkel der Tunnel reisend auf Gleisen.

Die Tür fällt zu fällt die Tür, Das Licht geht aus geht das Licht
Es ist dunkel, es ist still, weil Sprache hier nicht Sprechen will.

Montag, 6. Februar 2012

Ligamentum meniscofemorale

"In 700 Metern rechts abbiegen auf den Theodor-Stern-Kai", sagt das Navigationsgerät etwas humorlos und ich fahre auf die übervolle vierspurige Mainbrücke, als diese erst leicht, dann heftiger vibriert und schließlich ins Wanken gerät. Peitschend reißen einige Drahtseile und köpfen Fußgänger, die die Spiegelungen der Hochhäuser im Wasser betrachten wollten, nun aber ganz anderes zu sehen bekommen.
Während die Betondecke aufreißt wie altes Papier, denke ich aus mir unerfindlichen Gründen an Goethes Knie.

Goethe streckt das Knie und beugt das Knie.
Er beugt das Knie, streckt das Knie.
Im Alter fühlt er darin ein Gewitter nahen.
Trotzdem, sagt Goethe, ist mein Knie nicht gerade ein Sinnesorgan.
Und Eckermann flüstert: Fußballerknie.
Das hört Goethe zum Glück nicht.

Er denkt bereits über seine Nase nach.

Mittwoch, 1. Februar 2012

1657, Große Didaktik

Kein Widerspruch zwischen Wissen und Glauben, alle sollen lernen, alle sollen alles lernen. Man muss sich nicht schämen, wenn man Comenius nicht gegen Sokrates ausspielen kann, schon gar nicht in einer Tabelle - , aber: die Didaktik dient der Ordnung, der Ökonomisierung der Erkenntnis, der Beschleunigung des Lehrens und Lernens, der Erziehung zur Unmündigkeit, nicht der Bildung von Banden, Banden im Sinne von schwach strukturierten Gruppen mit diffusen Zielen, aber das hab ich noch nicht so gut verstanden.
Die Akzeptanz von Zucht und Ordnung, die Disziplin, die Reformpädagogik, das Kind als Widerstand, das Kind unter Waffen - ein Künstler.

Donnerstag, 19. Januar 2012

All das ist, was man so für Leben hält

Im Licht sitzend Bücher zerreißen
Zurückgezogen im wortlosen Steinbruch
Kinderjahre in Landkarten eintragen
Die Müdigkeit im Reglosen wachsen lassen
Trotzdem eine Idee von Klarheit haben
Die Treppenstiege zum ersten Stock benutzen
Mit beschädigtem Willen denken
Kaffee im alten Porzellanfilter aufbrühen
Ein Haus in einem Park bewohnen
das Fenster zum See raus hat
und sich wünschen
dass man ganz ohne Gepäck angereist wär'

All das ist, was man so für Leben hält

Dienstag, 17. Januar 2012

Kracher

Mit diesem Plakat wirbt die Linke Liste an der Goethe-Uni für ihre Kandidatin Veronika Kracher. Schön, dass das möglich ist. An anderen Unis wäre die Dame schon verhört und ins Lager verbracht worden.
Sicher ein prekäres Spiel mit der Symbolik der linksautonomen Szene, aber eben nur ein Spiel. Und Radikalität impliziert definitorisch keinesfalls Gewalt, sondern nur die grundsätzliche Veränderung der Zustände, eine Absage an den allerorten gepflegte lauen Reformismus. Pejorativ wird der Begriff allgemein gebraucht, um sprachlich zu stabilisieren, was politisch befürchtet wird.
Natürlich könnte man so ein Plakat ebensogut auch "albern" nennen, aber, hey, warum nicht mal so?!

Samstag, 14. Januar 2012

Pour vous, mes fauves

Die Blumen waren Anemonen, die Tiere waren Tiger, oder irrte ich mich? Es gab viel von allem, die Geschichten enden nie, die Worte verfallen, wie Mäuse ohne Knie, ins Tanzen und Taumeln, und romantisch wird es nie, auch wenn die Nächte  kürzer werden und alle sich beherrschen, die Gewalt zu kontrollieren, die gespürt wird in der Anordnung der Dinge, in der Pflege der Waffen, die frisch munitioniert in Schubladen und unter Tischen liegen, bereit für die ästhetische Revolution, die ins Soziale drängt. Die ins Fatale drängt, in Richtung verbotener Verwendungsweisen der Sprache.
Die Gedanken kratzen an den Verteilersteckdosen der Macht. Und was geht vom Volke aus? Ästhetisches Verlangen? – Das Verlangen nach Schönheit schmerzt in den Gliedern, die banale Evolution hat direkt zu dem geführt, was uns die Augen schließen lässt in den austarierten Blickwinkeln schwindender Einsicht. – Die Menschwerdung ist ganz schön schief gelaufen, viel mehr als die Feinstaubplakette ist nicht dabei herausgekommen, wobei mir als weitere Errungenschaften noch Jubiläumsgefangenenlager, Schokoriegel, Panade und Normalnull einfallen.
Setzt das Vermummungsverbot außer Kraft, schreibt in schönen Worten vom Versagen der Zivilisation und nehmt verdammt nochmal endlich diese Brille aus Fensterglas von der Nase. Die letzten Verteidigungslinien der Selbsttäuschung fallen im frühen Morgennebel, an der Grenze von Bewusstsein und Schaf.

Man würde sich wünschen, dass die Experimente im Genfer CERN ein für alle Mal außer Kontrolle gerieten. Andererseits: Soviel Gnade haben wir alle nicht verdient.

Immerhin: Unser endgültiges und spurloses Verschwinden wäre das größte Geschenk für die Tiere.

Samstag, 7. Januar 2012

Orden der armen Klarissen

Du gehst in den Garten, pflückst die Winterfrüchte, während ich schlafend auf dem dunklen Sofa vor dem großen Fenster liege und träume: von grausteinernen Hängen, in die Menschen an stählerne Haken gefesselte Ziegen gehängt haben. Wie irr gehen deren Augen voller Angst. Unter den mageren Hälsen sind kleine blecherne Eimer befestigt, um den golden sich ergießenden Strahl aufzufangen, der aus einer Wunde am Hals fließt.
Es ist eine Übung im Schächten, Schechita, doch der Tod tritt nicht ein, das Gold fließt ohne Unterlass und bodenlos sind die Gefäße, die tausendfach sich füllen ohne jemals überzulaufen.
Ich erwache und du kehrst zurück aus dem Garten mit einem Korb schwarzhölzerner Würfel unter dem Arm und sagst: keine Angst, es wird ganz schnell gehen, ich werde fünf Fehler vermeiden. Deine Augen blicken barmherzig, deine rechte Hand hälst du hinter dem Rücken verborgen.
Ich erwache zum zweiten Mal. Es ist dunkel im Raum, die Klosterglocken läuten: es ist acht Uhr.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Museumsinsel


Was ich bei weihnachtlicher Übernachtung in meinem alten Kinderzimmer gefunden habe:


-Ein Fässchen Batman-Tinte
-Ein Foto von mir als kleiner Mensch
-3 Packungen Esbit inkl. Miniofen
-Einen Bierbembel mit dem Aufdruck „REVOLUTION“
-14 Pelikan-Mini-Tramp Bücher für die Lektüre unter dem Schultisch (darunter mein Lieblingsband „Sein erster Jaguar“)
-Ein frühes Selbstportrait
-Einen Fotoband über nationalsozialistische Vernichtungslager
-Konspirative Aufzeichnungen auf essbarem Papier
-6 französische Telefonkarten und ein Pfeifenbesteck in einem Etui
-Einen geöffneten Commodore 64 mit aufgelötetem Turbo-Modul
-Ein chinaseidenes Tagebuch meiner Schwester
-Eine künstliche Zigarette, die beim daran Ziehen weiß qualmt
-Ein Kinderbuch, das mit "Als Birne, wie wir wissen, ihre allumfassende Weltherrschaft ausgerufen hatte..." beginnt und mit dem Satz "Je größer das Gehirn, desto schneller arbeitslos." endet.

 
Was meine Hündin unterdessen dort gefunden hat:

-2 Tennisbälle
-1 Softball
-1 Jojo

Montag, 19. Dezember 2011

Mal was Besinnliches zur Festzeit...


Bertolt Brecht
Maria

Die Nacht ihrer ersten Geburt war
Kalt gewesen. In späteren Jahren aber
Vergaß sie gänzlich
Den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen
Und das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu.
Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham
Nicht allein zu sein
Die dem Armen eigen ist.
Hauptsächlich deshalb
Ward es in späteren Jahren zum Fest, bei dem
Alles dabei war.
Das rohe Geschwätz der Hirten verstummte.
Später wurden aus ihnen Könige in der Geschichte.
Der Wind, der sehr kalt war
Wurde zum Engelsgesang.
Ja, von dem Loch im Dach, das den Frost einließ, blieb nur
Der Stern, der hineinsah.
Alles dies
Kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war
Gesang liebte
Arme zu sich lud
Und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben
Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit

Montag, 12. Dezember 2011

the number you have called is temporary not available

Wenn es so kalt ist, wie es gerade ist, und einem die Finger frieren, während man am Computer Präsentationen gestaltet zu Drama Lyrik Epik, der schwarze Nachtwind ums Haus defiliert, die Wörter aufhören zu vibrieren in einem drin, will man manchmal irgendwie ganz dringend nur da sein, wo man früher bisweilen im Winter war - im Warmen mit Büchern, die noch eine Handlung hatten, vollgestopft mit irgendwelchen Süßigkeiten und selbstgebackenem Lebkuchen, ohne betriebliche Weihnachtsfeiern, Reuegeld und Transaktionssteuern, ohne Winterreifen, Smartphones und Bodenminen - da wo die Hundepfoten die Nacht auslöschen, wo man nicht vor Kerzen an Gräbern steht, weil es für manche Sachen jetzt einfach zu spät ist.
Man will den Taugenichts als reale Lebensanweisung lesen, Vaters Mühle verlassen, im Gärtnerhäuschen einschlafen, das Mark des Lebens aufsaugen, Walden lesen, Walden leben, alles reduzieren, die äußeren Umstände der spätkapitalistischen Gesellschaften nur aus den verworfenen Fassungen Grimm'scher Märchen kennen, die inneren Zustände des schleichenden Unbehagens der Postmoderne überhaupt nicht kennen, noch niemals davon gehört haben, nicht mal in Legenden und auch nicht aus dem späten Gelaber der Talk-Shows, weil vor geraumer Zeit jemand aus gutem Grund eine Axt im Flatscreen versenkt hat. - - -
Und dann liegt man mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke, liest "Detektiv Kim bekämpft die Mopedbande" und ist für diese Welt ganz einfach nicht mehr zu sprechen!

Montag, 5. Dezember 2011

Hundert Prozent Arabica

Zuweilen, wenn ich morgens meinen Kaffee schlürfe, noch vor den ersten sanften Fehlentscheidungen des Tages, denke ich an Gregor Samsa, Kafkas duldsamen Käfer:
Als einer der perfiden Prokuristen zu Besuch kommt und seinen Kaffee verschüttet, ist dies für Gregor Grund genug, plötzlich hervorzuschießen und seine insektoiden Esswerkzeuge relativ gierig nach der heruntertropfenden Flüssigkeit auszustrecken. Er kann sich "nicht versagen, im Anblick des fließenden Kaffees mehrmals mit den Kiefern ins Leere zu schnappen".
Und an dieser Stelle wird uns allen klar, dass man ihm in seiner Käferexistenz den Kaffee vorenthalten hat, eine kaum zu überbietende Grausamkeit. Auf seinen verzweifelten Versuch der Kaffeebeschaffung reagiert die Mutter mit Geschrei, der Prokurist mit Flucht, alle mit Entsetzen. - Gregor ist in der Familie endgültig unten durch.

Typische Entzugserscheinungen des habituellen Kaffeetrinkers sind nach verschiedenen Studien  z.B. Erschöpfung, Kopfschmerzen, mangelnde Wachsamkeit, Reizbarkeit, Schläfrigkeit, depressive Episoden, Konzentrationsstörungen, fehlende Gedankenklarheit und eine deutlich herabgesetzte Zufriedenheit.
Ganz ehrlich, wenn Gregor die Käferexistenz vielleicht noch hätte wegstecken können, ich bin mir sicher, der unterdrückte Kaffeekonsum brach ihm das Genick bzw. den mentalen Chitinpanzer.

Dazu kommt, fortgesetzte Beweisführung, dass Insekten noch deutlich empfindlicher auf Koffeinzufuhr bzw. -entzug reagieren, wie z.B. das Verhalten von Spinnen mit bzw. ohne Kaffeekonsum belegt (siehe Abbildung 1).
Wir müssen also vielleicht im Hinblick auf käferliche Entzugserscheinungen in unserer Einschätzung die beschriebenen Effekte potenzieren, was letztlich den unterdrückten Kaffeegenuss ins Zentrum der psychopathologisch fixierten Kafka-Lektüre rücken lässt.
Schließlich muss vor diesem Hintergrund besonders bitter erscheinen, dass man den Käfer, dem man den lebensnotwendigen Kaffee verweigert, mit schnödem Obst bewirft, ein böses ironisches Substitut für das eigentlich Verlangte!
(Abgesehen davon ist die Wahl eines Apfels als Wurfgeschoss nicht nur ein zweiter Sündenfall, sondern finstere Verballhornung des beliebten Merkspruchs "An apple a day keeps the doctor away." - dessen Wörtlichnahme wohl auch dazu führte, dass die verursachte Verletzung unbehandelt blieb.) Doch vom Obst zurück  zum Kaffee:

Interessanterweise scheint die Industrie später (für Gregor leider zu spät!) den folgenschweren Fehler der Samsas wieder gutmachen zu wollen. Wie anders ließe es sich erklären, dass es mittlerweile in Feinkostgeschäften speziellen Käfer-Kaffee (Abb. 2) gibt, der nicht nur aus feinster Arabica-Bohne hergestellt wird, sondern auch für den menschlichen Konsumenten besonders bekömmlich sein soll.

Johann Sebastian Bach, kirchenmusikalisch-systemtheoretisch-mathematisches Genie, Gott hab ihn selig, wandte sich zuweilen auch der weltlichen Musik zu, allerdings nicht ohne Weltliches zu sakralisieren. So ist seine sogenannte Kaffeekantate vielleicht nicht sein größter Geniestreich, aber dennoch ehrliches Credo eines ergebenen Koffeinisten. Da heißt es:

Ei! wie schmeckt der Coffee süße,
Lieblicher als tausend Küsse,
Milder als Muskatenwein.
Coffee, Coffee muss ich haben,
Und wenn jemand mich will laben,
Ach, so schenkt mir Coffee ein!

Johann Sebastian, Gregor - ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bund der Dritte! - Ach stimmt, Schiller (als dann Vierten) nicht zu vergessen. Dichtete dieser nicht saumselig: "Diesen Trunk der ganzen Welt?!"

Sonntag, 4. Dezember 2011

BWV 1007–1012

Ich kenne sie seit vier oder fünf Wochen, kenne sie, seit ich gefragt habe, ob ich ihr zuhören dürfe. Still saß ich dann bei ihr, ließ die Zeit verstreichen, während sie ihre Kadenzen strich, ihre Übungen machte, oder kleinere Passagen repetierte. Ausgeruht fanden ihre Finger den Weg über die Saiten, flog der Bogen seinen fremden Kurs, und ihre Augen waren kleine Vögel, in jenem neonbeleuchteten, kargen Raum mit den beigen Tapeten und dem grauen Linoleumfußboden. Zuweilen betrachtete ich ihr Spiegelbild im kalten Klavierlack, ihre energischen Bewegungen, so beneidenswert kontrolliert, ihre Gesten, so seltsam distanziert.
Und an ihr maß sich meine Stille, meine Reglosigkeit, mein Schweigen, an ihr maß sich, wenn sie spielte, die Welt. Ich sage dies nicht einen Moment unter dem Eindruck von Hingezogenheit, nein, ich will sie nicht näher kennenlernen, nicht besser, nicht anders sehen, als in diesem kargen Übungsraum mit ihrem Cello, diesen fliegenden Augen.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Robin Hack

Spannende Sache:
Die Hackerkonglomerate Anonymous und TeaMpOison vereinigen sich für eine geplante Aktion  im Sinne der Occupy-Bewegung zu pOisAnon. Operatives Ziel, so angekündigt, die Umverteilung des Reichtums auf elektronischem Wege. Nach eigenen Angaben hat pOisAnon mittlerweile durch "Einbrüche" bei drei (oder vier) Großbanken mehr als eine halbe Million Kreditkartendaten beschafft, die "Umüberweisung" steht offensichtlich kurz bevor:

"Operation Robin Hood will take credit cards and donate to the 99% as well as various charities around the globe. The banks will be forced to reimburse the people their money back. - We are going to take what belongs to us. The Banks have thrown people out on the streets with corrupted actions. When the poor steals, it’s considered violence, but when the banks steal from us, it’s called business."

Doch die Kritik von pOisAnon geht viel weiter als diese einzelne Aktion: es ist vom Einfluss der Bankenkartelle auf Staat und Politik die Rede, und damit vom Schwinden demokratischer Strukturen. - Ob dies insgesamt eine sinnvolle Aktion im Kampf gegen die "pigs" (so pOisAnon in beinahe schon klassischer Rhetorik) ist, sei dahingestellt.
Wie wär's zum Beispiel mit einem größeren Projekt: Schuldenerlass für die sogenannte Dritte Welt: D-E-L-E-T-E!

Mittwoch, 30. November 2011

Die entschlossene Kommunardin

Ich kannte mal ein Mädchen
Mit langem dunklem Haar
Fest unterm Arm drei Bücher
Und Augen aus Gefahr

Ein Engel war sie selten
Ihr Reden war oft kalt
Sie konnte sich nicht bremsen
Vor düsterer Gewalt

Das Eigentumsverhältnis
Bracht‘ sie in wilde Wut
Mehrwert der zirkulierte
Wird Zeit, dass man was tut

Sie sprach mir von der Herrschaft
Im Dienst des Kapitals
Erträumte stilles Plündern
Des Waffenarsenals

Ich küsste sie ganz zärtlich
Doch sie blieb völlig stur
Zu ändern ist, so sagt sie,
Die ökonomische Struktur

Dienstag, 29. November 2011

Celebrity Deathmatch: Jesus vs. Das Kapital

"Da flocht Jesus sich eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle samt ihren Schafen und Rindern aus dem Tempel hinaus, verschüttete den Wechslern das Geld und stieß ihre Tische um und rief den Taubenhändlern zu: ‚Schafft das weg von hier! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhause!‘"  (Johannes 2, 13f)

Was nur, frage ich mich, können wir von Jesus lernen? 
Ernst Bloch nennt Jesus immerhin "das Zeichen, das der Herrenmacht widerspricht [...]. Dabei hatte Jesus eine Revolution der ganzen Welt im Auge [...]. Es geht um den Zusammenbruch der Welt insgesamt, um die Zerstörung der bestehenden Herrenmacht."

...und so eine Geißel ist schnell gebastelt, Herr Ackermann...

Sonntag, 27. November 2011

Gegeneinander

Jeden Morgen erwache ich, erzählt sie, und mir gegenüber sitzt eine Fremde, die ich nicht lieben kann. Ihre Augen sind die meinen, ihre Hände greifen gleichzeitig mit mir nach Tasse und Messer, unsere Bewegungen sind Schatten der anderen. Und doch lacht manchmal die eine während die andere schweigt, und doch weint die eine und die andere liest ein Buch. Wenn sie einander begegnen schweigen sie sich an, versuchen voreinander davonzulaufen, ohne dem Spiegel entkommen zu können.
Zusammen drehen wir den Schlüssel im Schloss, fahren mit der U-Bahn zum Stadtrand und starren auf die Hochhäuser. Die eine betrinkt sich, die andere bleibt nüchtern, um sie an Worte zu erinnern, die nicht aufgeschrieben wurden. Ich hasse sie.

Samstag, 26. November 2011

Crazy Clown Time

Zeit für einen letzten Spaziergang, es scheint allerdings kalt zu sein, mondlose Nacht. Die Häuser tun die Augen auf, der Wald steht schwarz und abgedrängt und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar. 
Im Park steht ganz zentral ein gigantischer stählerner Müllcontainer, den ich umstreife wie ein Pilger die Kaba, die Hündin hält Abstand und das Ding für verdächtig. - Das ist vielleicht genau die richtige Situation, um in das neue David Lynch-Album "Crazy Clown Time" mal reinzuhören. Und wirklich: es wird unwirklich.
Plötzlich steht in roter Schrift "Dutschke" auf dem Container und er sieht irgendwie auch ein wenig rebellisch aus. Ich flüstere "Ey, Rudi, altes Haus, biste da drin?", doch niemand antwortet. Vorsichtig klopfe ich an die metallene Wand und hohl klingt es wieder. Ich lausche, klopfe abermals, räuspere mich und sage "Herr Dutschke?" - Nichts geschieht.
Die Hündin kommt zurück und fragt, ob es denn nun weiterginge, ich hätte schließlich lange genug am Container gestanden und ganz offensichtlich sei Rudi nicht darin, außerdem sei "Dutschke" ja nur ein Nachname wie tausend andere auch, da könne ich doch wohl kaum schließen, dass, wo Dutschke draufstehe, auch Rudi drin sei, sie habe da so ihre Erfahrungen - und sowieso, Worte seien im Allgemeinen nur Schall und Rauch, abgesehen davon habe sie eine auffällige Ähnlichkeit des Containers mit dem Monolithen aus "2001: A Space Odyssey" bemerkt, die ihr Anlass zur Sorge gäbe, es wäre, bitteschön, ganz freundlich von mir, mit ihr gemeinsam Fersengeld zu geben.
Ich sehe sie an und frage einigermaßen erstaunt: "Du? Seit wann magst du denn Kubrick?"

Donnerstag, 17. November 2011

Heavy Rotation

Die überschätzte Diagonale legt sich quer, in den Halbrunden der Hörsäle gehen die Uhren aus, verwegene Vaganten biegen Skulpturen aus nächtlichen Gleisen im Dunkel kauernder S-Bahnen. Die Stromproduktion läuft an, die Pipelines sind für uns alle gut, vor allem für die Hirten und die Schafe. Im lockigen Fell zeichnen sich Muster ab, Mandelbrotmengen vorhersagbarer Börsengänge. Einerseits muss man ganz dringend schlafen gehen, andererseits kann man nicht aufhören mit dem Nachdenken. Immerhin steht die Invasion kurz bevor, die hellen Bäuche der Alienschiffe schimmern durch die Wolkendecken über jeder größeren Stadt. Dazu wummern die repetitiven Strukturen industrieller Abläufe wie serielle Musik für ganz ganz helle Köpfchen.
Mal ehrlich: wer würde sich in dieser Welt nicht zu Hause fühlen?
Na, eben: Monsieur!

Sonntag, 13. November 2011

Rochade

Pessoa legt Hut und Mantel ab, die schwarzen Schuhe glänzen wie frischer Kaffee. Er kniet sich vor die Truhe und verstaut drei seiner Schatten darin. In den Spiegeln die Gesichter der anderen, die sich für eine andere Sprache und andere Worte verbürgen, Futuristen, Romantiker, sogar Realisten. Sie alle versammeln sich um ihn, schlagen in der Stille die Augen nieder. 
Die große Müdigkeit klopft sachte an die Tür, das Licht sieht sich aus dem Zentrum des Raumes gedrängt, nicht abgeschickte Briefe lesen sich flüsternd in fremden Sprachen selber vor.
Ein kalter Wind weht durch die Rua Coelho da Rocha als Pessoa mit zittriger Schrift auf das leere Blatt schreibt:
"I know not what tommorow will bring."

Freitag, 11. November 2011

Dienstag, 8. November 2011

Teilchenbeschleuniger

Da will man uns Eigeninteressen als gesellschaftliche Allgemeininteressen verticken. Und Angst machen – zitternd vor Angst ist man ja immer schnell für alles zu haben, was Besserung lügt. Wie leicht wird man zum Komplizen. Und wer hat nicht alles schon den Orden wider den tierischen Ernst bekommen? Wie auch immer: Jede Rappelkiste-Sendung enthält mehr politische Theorie als ein Abend auf N24.
Werfen wir doch lachend die Holzschuhe in die Maschine, stören die Mechanismen und Automatismen. Was nicht mehr rund läuft wird bunt. Die Dysfunktionalität der Systeme macht das Individuum groß, in der Zerschlagung des Allgemeingültigen ist jede angebliche Wahrheit zu prüfen, jede Autorität zu verlachen, jede angebliche ‚Alternativlosigkeit‘ unakzeptabel.
Durchschreiten wir das strategische Feld der Machtbeziehungen, entblättern die hegemonialen Strukturen, lassen den Widerspruch zum Einspruch werden, dekonstruieren die Worte der Vielsprecher, lassen uns nichts vordenken! Wir sind der Schwarm, wir wissen mehr, wir hören und sehen alles.
Wenn wir auf einem Weg nicht durchkommen können, wählen wir einen anderen.

Sonntag, 6. November 2011

Ein Traum

Im harten Bett des Winterschlafs
liegt einsam eine Möhre
Ich schlaf heut nicht, ich bleib noch wach
Ich will sie doch nicht stören

Sonntag, 23. Oktober 2011

Am 28. Februar 1571

Er wendet sich ab, steigt den Turm hinauf, zieht sich, müde vom Treiben der Welt, zurück.
Er lässt sich Inschriften auf den Balken anbringen, lässt sie einbrennen in das Holz - die Summe der Weisheiten, die Stimmen der Alten, Sätze wie "Ich sehe, dass wir alle, die wir leben, nichts sind als Schemen oder flüchtige Schatten." oder "Ich verstehe nicht."
Er sperrt alles aus, um zu denken. Er verflucht die Welt nicht, allein: er hält nicht viel von ihr, sitzt zwischen Büchern, schaut wie das Licht langsam an der groben Steinwand entlang wandert.
Er schreibt einen Text und der Text schreibt ihn. Er ist für alle Zeit der Mensch, der in selbstgewählter Einsamkeit zu sich kommt, dessen Versuche noch heute jenes "Que sais-je?" als Frage in eine Welt halten, die keine Frage mehr zum Ende denkt.

Zeit, in den Turm zu gehen, Worte in die Balken zu brennen, die Welt auszusperren.

Freitag, 21. Oktober 2011

Montag, 17. Oktober 2011

Now I know: a year has 12 days

Eine Biene fliegt um den Kaffeebecher. Niemand weiß, was es bedeutet.
Ich stehe auf und sage: "Sie ist tot!"
Die anderen sehen mich nicht an, aber ich weiß, dass sie keine Ahnung haben, wovon ich spreche.
Ich sage: "Manchmal schreibt sie ein Wort so oft, dass eine einsame lange Schlangenlinie daraus wird. Dann darf man ihren Namen nicht sagen. Sie ist im Begriff zu vergessen, wer sie ist."
Die anderen schauen zu Boden, setzen aber dann ihre gemurmelten Unterhaltungen fort.
Es kann sein, dass diese Abende länger sind als andere. Auf sie folgen stille rußgeschwärzte Nächte.
Und die Biene?
Was flüstert die verirrte Biene in Gegenwart des Kaffeebechers?

Freitag, 14. Oktober 2011

Die Hausnummer ist 123

„Die Spiele haben Farben wie anderswo die Tiere“, sagt sie und lacht. Ich schüttele den Kopf: „Das ist mir zu politisch.“ Ich lache nicht. Wir lauschen auf den Äther: In Frankfurt zünden sie die Autos an, im Radio ist man bemüht, zu erklären, dass es alle Fabrikate betrifft – wichtig: Kraftfahrer-Solidarność erzeugen! Nächste Meldung: Occupy Wall Street und „Fuck the FED“ – ernstzunehmender Widerstand? In den USA? Da brat mir aber mal einer einen Storch! Meanwhile in Germany: Arbeitgeberpräsident Hundt hält Mindestlohn für "realitätsfern", er will die "Geringqualifizierten" durch Unterbezahlung 'in Schutz nehmen'. *hust*
In Frankreich: Schülerproteste gegen die Rentenreform! Mein lieber Scholli, was sind die Eleven weitsichtig. Und schon wieder brennen Autos. Haben denn die Leute den hübschen Meinhof-Aufsatz zur Kaufhausbrandstiftung nicht gelesen? Warenvernichtung kitzelt den Kapitalkreislauf kurz am Fuß und alle lachen. 
Später: Die Funknachrichten sind passé und wir stehen im leichten Regen vor Adornos Haus in der Kettenbachstraße, Frankfurt/Main. Sie raucht eine Zigarette zu Ehren des zweitgrößen Fernsehqualmers aller Zeiten und sagt: „Die Grenzen der Welt sind die Listen der eigenen Angst. Niemand kann sich von ihr freisprechen, aber jeder kann sie überschreiten.“

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Nacht, Regen

Bei diesem Wetter drei Uhr nachts mit dem Hund rausgehen, durch den Regen stapfen und "Plainsong" von The Cure hören. Fühlt sich an, als würde es nimmer hell!

>> "I think it's dark and it looks like rain," you said, "And the wind is blowing like it's the end of the world," you said, "And it's so cold it's like the cold if you were dead," and then you smiled for a second. <<

Dienstag, 11. Oktober 2011

Kalte Herberge "Utilitaristische Ethik"

Moral und Freiheit, Umstände und Nutzen, Einschränkungen und Entschuldigungen. Infiniter Regress, Zirkelschluss, und eins fehlt noch (oder drei, je nach Modell).

Kann man bei allem fragen, woher es kommt, welchen Schaden seine Objektwerdung angerichtet hat und noch anrichtet?
Das Abstrakte eines fernen Todes macht unsere Produkte so leicht und günstig, unsere Tage so gutlaunig und bedürfnisreich, so erfüllt und bequem. - Doch Sokrates fiel das Trinken nicht schwer. Jene, die sich durch das Urteil ins Unrecht setzten, sah er als verzweifelter. Also lieber Unrecht leiden als Unrecht tun?

Freitag, 7. Oktober 2011

Der Abstieg

Verachtung für die Götter, Hass auf den Tod und die Liebe zum Leben: diese drei Dinge zeichnen Sisyphos – so Camus – aus.
Sisyphos stört die olympische Ordnung. Er verrät die geheimen Machenschaften Zeus’, legt Thanatos in Ketten, sodass auf Erden niemand mehr stirbt, und kehrt listig aus dem Reich des Todes zu seiner Frau zurück.
Doch Zeus’ Rache ist unausweichlich und so kommt der Mensch zu seinem Felsen, den er wieder und wieder den Berg hinauf zwingt.
„Sein Schicksal gehört ihm.“ Indem er den Stein als sein Schicksal annimmt, indem er am Hang mit der Inbrunst des Menschen wütet, vertreibt er die Götter aus dieser Welt.
„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ – und Sisyphos führt seinen Fels, immer wieder aufs Neue. Er weiß, so Camus, „dass die Nacht kein Ende hat.“
Doch alle Materie hat ein Ende und Sisyphos hat Zeit: er zerreibt den Stein am Hang. Das ist seine Lösung. Und er besiegt die Götter ein letztes Mal. 
Ich glaube, wir müssen uns Sisyphos nicht nur als einen glücklichen, sondern auch als einen geduldigen und entschlossenen Menschen vorstellen. 

Samstag, 1. Oktober 2011

Wiesengrund tut Wahrheit kund

»Die Evidenz des Unheils kommt dessen Apologie zugute: weil alle es wissen, soll niemand es sagen dürfen, und gedeckt vom Schweigen mag es denn unangefochten weitergehen. [...] Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.«
Adorno, Minima Moralia

Donnerstag, 29. September 2011

Systemzeit

Ich hätte in Hotels gelebt
mit schweren englischen Vorhängen
und hohen Fenstern
jede Nacht das Zimmer gewechselt
das elektrische Licht gelöscht
die Jugendstilmöbel hätten ausgesehen
wie damals in Bruxelles
vor der Flut

Und Maldoror, mein Liebster,
hätte die Wunden geöffnet,
um die Sterbenden zu kosen

Doch jetzt ist jetzt:
An einem Tag der Schatten
Bist du frei?
Im letzten Bogenstrich der Fuge
wo das Interstellare ausfranst
such ich Freiwillige für den Galgen
Die Wellen schlagen ans Nachtschiff
Hammerschläge der Armut

Es gibt kein Vermächtnis
und aus Glas ist die Hoffnung der Kinder

Montag, 26. September 2011

Richards Schnäuzer

Nacht. Zeit, sich nach Babylon einzuschiffen. Detective Smith Smith kämpft gegen die Roboterarmee. Er träumt kämpfend und kämpft träumend - der Grund, warum er nie ein besonders vielversprechender Privatdetektiv war.
Das Licht der Straßenlaternen reißt Halbkreise aus dem Dunkel, der Typ im Leichenschauhaus kocht den scheußlichsten Kaffee aller Zeiten, die blonde Dame trinkt ihr Bier ohne Maß.
Als C. Card bin ich in den Straßen von San Francisco unterwegs, während im Redwood Creek die Zeit innehält, kurz aufatmet und sich im Rauschen der Bäume fortsetzt.
Es ist Zeit, in die Bibliothek zu gehen, in der all die Bücher stehen, die niemals gedruckt wurden. Es ist Zeit das Schlüsselwerk über 'Kakteenzucht bei Mondenschein' zu lesen, zwischen den Regalen entlang zu schlendern, den Finger über die Buchrücken streichen zu lassen, die Jahresringe der Mammutbäume ungezählt zu bestaunen.
Jimmy Pygmalion verfolgt die Dame, die er sich selbst basteln wird, bricolage heißt das Konzept, und wildes Denken - bevor die Zusammenhänge durch die idiotische Kausalität erkalten. Die Kyniker halten uns die Wahrheit vor Augen.

Am Ende aller Zeit zählt allein: Warst du rechtzeitig Forellen fischen? Oder hast du wieder nur auf dem Balkon rumgehockt und aus Maisblättern gedrehte Zigaretten geraucht?

Samstag, 24. September 2011

Montag, 19. September 2011

Als Jean-Luc Godard den Jump Cut erfand...

...also etwa 1959 oder 1960, was weiß ich wann er À bout de souffle geschnitten hat, hab ich noch nicht existiert und rechts war noch rechts und links noch links. Kapitalismus war noch kein lustiges Wort, keiner hat dazu gelacht und die fatale Wippe aus Markt und Macht und Staat war vielleicht noch etwas beweglicher. Afrika war nach der Abschüttlung diverser Kolonialmächte berechtigt, ein wenig Hoffnung zu entwickeln und JFK nahm die Welt mit seinem Zahnpastalächeln für die USA ein, solange man sich nicht zu sehr bemühte, hinter die Fassade zu schauen.
Am 19. September dachte ein gewisser Markus Hembswegger über den Zustand der Welt nach - und kam zu keinem konkreten Ergebnis. Außer vielleicht: 'es gibt stündlich weniger Dialektsprecher' und 'sieben mal sieben ist deutlich mehr als 45'.
Adorno notierte sich in sein berühmtes kleines Büchlein den weisen Satz 'Was nützt einem Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist', lauschte auf Chubby Checkers "The Twist" im Radio (was sicherlich nicht sein eigenes war, verfluchter Verblendungszusammenhang der Medien). Marcuse träumte schon davon, wie schön das Fernsehen uns alle beruhigen könnte in Zeiten gärender Revolte.
Das 1947 entwickelte AK47 wurde überarbeitet und als "Awtomat Kalaschnikowa Modernizirowannij" schon wieder ein Kassenschlager, der weltweit Frieden stiftete.
Niemand (=Odysseus) hatte den Plan, eine Mauer zu errichten, niemand sah Engel, niemand wachte. 
Und heute, in der Ultramoderne, bleibt ein verhaltenes Unbehagen, dass man irgendwann den Weg hätte aufhalten können, den die westlichen Gesellschaften einschlagen - und der uns am Ende alle alle glücklich und zufrieden machen wird - wenn wir nur genug Soma bekommen...oder Prozac...oder Fluxetin...oder Lexotanil...oder oder oder...

Die Gegenwart berechtigt uns nicht zur Hoffnung, schon gar nicht zur Hoffnung auf eine Lösung, die wir nicht selber sind.
Doch alles, was ist, fordert uns auf zum Widerstand!

Samstag, 17. September 2011

When the Sleeper Wakes...


Something is Rotten in the State of Denmark.
 - Shakespeare, Hamlet -

Fiat Lux
Genesis 1,3 - (& Léo Malet)

Incoming!!!
Andrew Eldritch -


P.S. Hommingberger Gepardenforelle