Sonntag, 23. Oktober 2011

Am 28. Februar 1571

Er wendet sich ab, steigt den Turm hinauf, zieht sich, müde vom Treiben der Welt, zurück.
Er lässt sich Inschriften auf den Balken anbringen, lässt sie einbrennen in das Holz - die Summe der Weisheiten, die Stimmen der Alten, Sätze wie "Ich sehe, dass wir alle, die wir leben, nichts sind als Schemen oder flüchtige Schatten." oder "Ich verstehe nicht."
Er sperrt alles aus, um zu denken. Er verflucht die Welt nicht, allein: er hält nicht viel von ihr, sitzt zwischen Büchern, schaut wie das Licht langsam an der groben Steinwand entlang wandert.
Er schreibt einen Text und der Text schreibt ihn. Er ist für alle Zeit der Mensch, der in selbstgewählter Einsamkeit zu sich kommt, dessen Versuche noch heute jenes "Que sais-je?" als Frage in eine Welt halten, die keine Frage mehr zum Ende denkt.

Zeit, in den Turm zu gehen, Worte in die Balken zu brennen, die Welt auszusperren.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Jeder lebt und stirbt für sich allein. Manchmal begleiten uns andere ein Stück auf unserem Weg, aber den Kampf mit dieser Welt fechten wir alleine aus.

Rabenstein hat gesagt…

Nun verfolge ich das treiben hier eine ganze Weile und ich muss sagen, diese Zeilen sprechen wahre Worte, berühren mich sogar.
Allerdings ist es für mich nun mal wieder Zeit, meinen Turm zu verlassen. Lange genug habe ich nun dort gesessen, die Welt ausgesperrt, nur musste ich eins feststellen: Die Zeit lässt sich nicht aussperren. Mein Turm stellte eine Versuchung dar und wacht auch jetzt mächtig und ehrfurchtserweckend über mein Innerstes, nur ist es ratsam, ihn nicht zulange aufzusuchen.

Anonym hat gesagt…

Manchmal sind wir Gefangene in den Schutzwällen, die wir uns selbst errichten.

Anonym hat gesagt…

Es soll in Frankfurt Gaststätten geben, in denen Menschen hocken, die mächtiger sind, als Gott. Sie arbeiten in der Spitze hoher Türme und speihen mittags in der Nasszelle Speisen aus, die teurer sind, als ein durchschnittliches Entwicklungsland in Mittelamerika.

Wir sollten uns über derlei Zustände aber nicht den Kopf zerbrechen. Wir sollten es so machen wie Sie: In den Turm gehen, früher hätte man wohl Elfenbeinturm dazu gesagt. Wie würde Adorno das wohl nennen?

Marie de Gournay hat gesagt…

Begreifst du nicht wovon er redet? Denk doch noch mal über die Überschrift nach, dann kommst du vielleicht drauf...

Anonym hat gesagt…

Der 28. Februar 1571 war wohl laut Berechnung ein Aschermittwoch. Der Tag, an dem das 40 tägige Fasten in christlichen Regionen beginnt, ein Tag an dem Besinnung vorgeschrieben zu sein scheint, auch wenn Besinnung sich nicht als kollektive Erfahrung provozieren lässt.

Anonym hat gesagt…

Es ist Zeit aus der selbstgewählten Einsamkeit auszubrechen. Diese Einsamkeit ist nur eine Flucht vor Angst und Verletzungen durch diese Welt.

http://www.youtube.com/watch?v=OIpum4NAapg