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Montag, 15. April 2013

Wir waren...


Wir waren Rocklegenden! Untergrundkämpfer! Rädelsführer! Magisterstudenten! Orchesterleiter! Straßenkämpfer! Teilchenbeschleuniger! Fraktaltangenten! Potenzgiganten! Tarnkappenbomber! Sternenzerstörer! Tierbefreier! Bombenleger! Weiterdenker! Morgenschläfer! Sonnenanbeter! Brandstifter! Eisbrecher! Harnischträger! Vernunftverweigerer! Bilderstürmer! Lichtbringer! Revolutionäre! Prozesszersplitterer! Mauernsprenger! Blitzmerker! Arcadespieler! Lautersteller! Titanenforderer! Transzendentalreisende! Kernfusionexperten! Experimentalphysiker! Märtyrer! Tischtennischampions! Rudimentalverbieger! Kontinentalkinetiker! Hungerkünstler! Feinschmecker! Datenschützer! Poesieeuphoriker! Welteinsturzmelancholiker! Religionskritiker! Rosenkreuzer! Kreuzritter! Testamentsvollstrecker!  Leistungsträger! Arbeitsverweigerer! Tatortreiniger! Kulturkritiker! Apokalypsenbeschwörer! Brandherde!
Gefangene unserer Triebe!
Aggregatzustände der Hoffnung!
Phantomschmerzen der Liebe!
Mätressen des Wahnsinns!
Traumata des Versagens!
Horizonte der Eklipse!
Trabanten unseres Wortschatzes!
Giganten der Langsamkeit!
Raben der Erinnerung!
Entzifferer des Palimpsests!
Zuneigetrinker des Grals!
Manichäer der Einsilbigkeit!
Selenografen der Tristesse!
Sterbliche!
Menschen!
Und wir sind es noch heute!

Samstag, 23. März 2013

Der rechte Augenblick

Von den Terrassen der Cafés klingen metallisch die Stimmen
Und eifrige Raben stehlen Gästen das Gebäck von den Untertassen
Traurige Passanten spucken auf die Gleise der Straßenbahn
Während die Oberleitungen von fernen Trafostationen singen
Ich stehe mit einem Buch unterm Arm am Tiergarten
und warte auf den Regen
Als ich dich sehe, mit dem gleichen Buch vor der Nase
Einem Zinkfüller am Revers und dunkelblauem Hut
Wie du dich abwendest und über einen Tautropfen sinnst
Der heute früh aus dem Kelch einer kühlen Blume in deine Hand fiel.

Dienstag, 12. Februar 2013

Was sollen die Texte nur von uns denken?


Robert Johnson hören in der Bibliothek
Beim Überqueren des Zebrastreifens an Barthes‘  Tod denken
Spiegeleier essen im Collège de France
Dem Brahmanen die Nougatschokolade klauen
Zaghaften Bildhauern Dynamit schenken
Dem Leser die Wahl der Waffen überlassen
Die Tapisserie im Palais Faubourg verachten
Unter der Dusche Bruges-la-Morte lesen
Vom Verkehr umströmt, inmitten der Kreuzung schreien:
Ich bin Edmont Dantès, Kapitän der Pharao!

Sonntag, 3. Februar 2013

Abwesenheit


Man findet eine alte Brille wieder, die mittlerweile ein nicht mehr ganz scharfes Bild produziert, reibt sich die Augen und schaut stundenlang Fotos von früher an.
Da gibt es Menschen, die nun nicht mehr leben, die man vermisst, schmerzlich vermisst. Deren Verschwinden zum Verdrängten gehört, damit die Tage leichter fallen.
Diese rohe Realität der Fotos haut einem das ganze Gewesen-Sein um die Ohren, das ist keine Simulation: es ist so gewesen. Und in der hellen Kammer tapsen wir umher, zwischen den Zeiten, zwischen alten Kaffeekannen und Porzellanfiltern, Gesichtern, Nächten und Himmeln.
Die Fotografie entblößt jedes Detail, öffnet die Adern der Vergangenheit, produziert eine totale Distanzlosigkeit.
Zwischen alledem, den Bildern der Freunde und Dinge und Orte, erblickt man sich selbst in der Spiegelung einer Scheibe: Schemenhaft halte ich die Kamera, deren Objektiv eine Wirklichkeit verfügbar macht und entzeitlicht. Was Barthes „unbedarfte Kontingenz“ nennt hat die Wucht einer Wahrheit, die in Umrissen wahrnehmbar wird.
Mit Hilfe der Fotografie betreten wir die Ebene des Todes, betreten die Welt des Gewesenen, des nicht Wiederkehrenden, des Unumkehrbaren.
Und doch flüstert die Fotografie auch leise von Auferstehung.
Es ist dieser Schwindel, der so sehr schmerzt.

Dienstag, 15. Januar 2013

To Do Liste

Anleitung zur Selbstverwertung schreiben
Auch Weltherrschaft möglich
Und nicht vergessen Schürfrechte zu erwerben
Fast so wichtig wie die Drehgenehmigung
Dann Kerze ins Fenster stellen
(Für verlorene Seelen)
Und Spektralanalyse durchführen
Radiokarbonmethode tuts aber auch
Beim Mangelservice anrufen

Oder doch besser gleich in die Kopfklinik?

Sonntag, 3. Juni 2012

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Der helle Schlaf in blauem Morgen, eben noch raus an den See, die träumenden Enten erschrecken und mit Kreide Licht auf die Wege malen, vor dem Tagesanbruch weglaufen, die alte Dunkelkammerleuchte bemühen und an einen heißen Julitag denken, an eine Nacht ohne Ende, die man über ein Notizbuch gebeugt in einer staubigen Scheune zu Papier bringt.
Die Schritte und Kinderschuhe mit gebrochenen Sohlen, das Archiv aus lauter Gestern, wo Tage wie Dominosteine Spalier stehen und doch einer heraussticht. Und es gibt Neues und auch Unwiederbringliches, bei dem alle Technologie nichts nützt, die Aufzeichnungen leiser werden, wie durch Jahre verrauschte alte Magnetbänder.
Man trinkt ja aus Prinzip keinen Magenbitter, aber wenn nichts anderes im Haus ist, nun ja, dann könnte man damit vielleicht ein mnemotechnisches Wunder vollbringen, den Gedächtnispalast betreten, die Kette der Augenblicke rekonstruieren, die sich, Herzschlag auf Herzschlag, an dieses unbedingte Gefühl von Abenteuer annähern, welches mir damals, in der Julihitze der alten Waschküche meiner Großeltern im Erinnern den Atem stocken ließ.

Samstag, 19. Mai 2012

kein ereignis des lebens

Manchmal sitzt man am Fenster, starrt in den abendlichen Regen und denkt an Sätze, die man mal gelesen hat, die stimmen und einen auch nicht glücklicher machen.

Die Wirklichkeit ist ganz leicht gegen das Ich verschoben, die Passungsarbeit will nicht gelingen, Inkongruenz.

Man fühlt sich wie so ein kleines Flossentier nach dem Dynamitfischen. Durch die Explosion platzt die Schwimmblase - man treibt ohnmächtig an der Oberfläche der Welt. Und es geht nie mehr zurück in die Tiefe.

Und der Vater von Herr K. sagt leise: "Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es das Schweigen über so viele Untaten mit einschließt!"


Samstag, 28. April 2012

051610

Es gibt Menschen, die sterben beim Ablesen des Stromzählers, andere verschwinden beim Zigaretten holen auf Nimmerwiedersehen, Dritte verlieren sich im Schlaf, Vierte gehen in die Natur und sprechen mit Insekten und wieder andere kaufen sich homöopathische Mittel und kleine Buddhafiguren, denen sie die Füße mit Nagellack anmalen.
Ich hab aber auch schon von welchen gehört, die sich beim Recken nach einem Buch ganz oben im Regal in Giraffen verwandelt haben und dann gar nicht mehr lesen konnten. Für andere wieder ist jeder Tag wie die Ardennenschlacht und manche glauben, sie hätten nichts zu verlieren, riskieren aber trotzdem nie etwas.
Tatsächlich ist dies ein komischer Planet, der sich so unachtsam im Dunkel dreht, ein krummes, schiefes Ding, ins Nichts gehängt.

Während ich das hier schreibe, sitzt eine mittelgroße Hündin auf meinem Schoß, versperrt mir halb die Sicht auf den Monitor, schaut aus dem Fenster, sieht den vorbeirasenden Polizeifahrzeugen hinterher und gähnt.
"Wußtest du", fragt sie, "daß neugeborene Giraffen bereits nach etwa 45 Minuten laufen können?"
"Nein", sage ich, "Und wie lange brauchen Schakale?"
"Das", sagt sie und wiegt bedächtig den Kopf, "fragst du mal lieber die Araber."

Freitag, 6. April 2012

Gerettet

Nachts in der Bibliothek
Sitzen Wölfe in den Gängen
Und ich gehe weiter nach hinten
In den Grenzbereich schwindenden Lichts
Wer, sagt einer der Wölfe,
Könnte schon gegen den Tod anschreiben?!
Wir, sagt ein anderer,
Sind der schwarze Limes!

Als ich eben zitternd verzagen will, kommt von hinten mit Schmackes etwas angerauscht und ruft „Keine Angst! Ich bin dein Brillenflughund!“ -- Und ich sage: "Wusste gar nicht, dass es sowas wie Brillenflughunde überhaupt gibt." -- Er darauf und im Vorbeiflug: "Pteropus conspicillatus, genau genommen!" -- Und die Wölfe: "Jetzt hört mal auf mit dem Gelaber, ihr versaut uns die ganze pathetische Jenseitsstimmung."

"Eben!", sagt der Brillenflughund, fliegt eine liegende Acht in die Luft – und die Macht des Todes ist gebrochen. -- "Dann", sage ich, "können wir ja jetzt endlich ´nen Kaffee trinken gehen."
"Auf ein paar Fruchtsamen und einen Fingerhut Wasser würde ich schon mitkommen.", sagt der Brillenflughund, setzt sich auf meine Schulter und wir gehen. Die verdutzen Wölfe schauen uns nach.

Dienstag, 27. März 2012

Rand der Welt

Sie sagt, dass es ist wie es ist, dass man stirbt, wie man geboren wurde und dazwischen – nichts, nur laufen und ausgleiten und aufstehen und laufen.
Sie sitzt auf einem alten Stuhl, das Gesicht im Halbschatten der weggedrehten Schreibtischlampe, streicht sich die Haare hinters Ohr, schaut in die Nacht, schließt dann die Augen.
Der Wind schüttelt die Bäume, die schwarzen Äste vibrieren, Regen fällt auf die dunkel glänzende Straße.
Und sie spricht weiter: „Heute ist ein Tag, an dem ich vom Tod weiß. Nichts ist leicht. Das Leben fühlt sich an wie ein Beatmungsgerät. Ich wünschte, man würde mich ausstreichen, wie ein falsches Wort auf dem Papier.“
Sie schaut an mir vorbei, in die Leere des Raumes, dann zum Fenster. Draußen wütet ein Sturm, der sich in ihrem Blick spiegelt.

Sonntag, 25. März 2012

Antonio Tabucchi, † 25. März 2012

Ich war mit dir im nächtlichen Indien unterwegs, hab in Porto mit dir getrunken, war dem geköpften Damasceno auf der Spur, beweinte Christus im grünlichen Licht, saß in überfüllten Zugabteilen an deiner Seite und atmete Staub in der schwirrend-heißen Luft verfallener portugiesischer Friedhöfe. Du hast für mich geträumt und halluziniert, hast mir Spinoza und Pessoa vorgelesen, wir haben in Goa und Madras in der Gegenwart unserer Doppelgänger im Abendlicht gesessen.
Heute Nacht stelle ich für dich eine Kerze ins Fenster. Und weine.
Du weißt ja: der Rand des Horizonts ist jener Ort, der in dem Maße flieht, wie wir uns auf ihn zu bewegen.
Ich wünsche dir eine gute Reise!

Freitag, 16. März 2012

Gestern

Indische Flugenten stehen auf dem Campus Spalier
Während ich meinen Kaffee trinke
Die neuen Schuhe klackern auf dem Steinweg
Und ein kleines Mädchen im Feenkleid lacht
Wenig überraschend: Der Entgeltnachweis
Auch gültig als Verdienstbescheinigung
Auf dem Rückweg im Auto mit offenem Fenster
Missmutige Menschen in großen Wagen
Brennende Büros im verblassenden Licht
Dann: Mainspaziergang, Antilopen in der Abendsonne

Samstag, 25. Februar 2012

Le stade du miroir

Ich setze mich, sehe aus dem Fenster in den Hof, verfolge mit den Augen die Flugbahnen einzelner Schneeflocken und trinke. Plötzlich scheppert im Flur das Telefon. Vor Schreck verschütte ich meinen Kaffee. Die Stille ist gebrochen und der Nachhall des Bimmelns scheint in verwischten Intervallen aus allen Räumen widerzuklingen. Ich gehe nicht ans Telefon, ich warte bis der Anrufbeantworter sich einschaltet.
Am anderen Ende ist man nicht gewillt zu reden: Aus dem kleinen Lautsprecher dringt nur das leise Rauschen der wortlosen Verbindung. Sie wird mit vernehmlichen Knacken unterbrochen. Während der Anrufbeantworter die unbenutzte Cassette zurückspult, atme ich auf. Gerade als ich die Tasse wieder an den Mund setzen will, läutet das Telefon erneut. Die Maschine zeichnet ein langes Schweigen auf. Eine Weile überlege ich, ob der Hörer beim dritten Anruf von mir abzunehmen sei, doch nichts geschieht. Alles wird wieder zu Stille.
Die Flocken fallen, ich trinke Kaffee, es ist der Anfang von etwas.

Am Nachmittag mache ich mich allein auf den Weg. Immer wieder ziehen Wolken auf. In den Zwischenräumen erscheint die Sonne und wärmt.
Ich betrete eine Telefonzelle und wähle meine eigene Nummer. Nach ein paar Sekunden geht der Anrufbeantworter dran. Meine Stimme aus der Ferne zu hören ist befremdlich, so als sei ich nicht in meinem Körper. Ich spreche nichts auf das Band, schweige und hänge ein. Ich wiederhole das seltsame Spiel noch einmal. Meine Stimme, mein Schweigen. Bis die Automatik die Leitung unterbricht.

Schließlich setzte ich mich in ein Café. Dort bleibe ich vier Stunden. Nichts geschieht. Ich bin enttäuscht, denn ich habe gewartet. Auf mich.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Einfache Tage

In einem Haus am kalten Meer. Dort wohnte ich vor Jahren, als man mir noch die Scheiben einwarf und Hiro abends, bedächtig auf der Schwelle liegend, mich vom Schließen der Türe abzuhalten versuchte. Gebrochen klangen die Wellen herüber, als hielten sie in der größten Aufbäumung plötzlich inne, und dieses Spiel wiederholte sich im Handumdrehen.
Morgenluft strich herein und in der Küche dampfte immerzu der Kessel aus mattem Blech, der das kochende Wasser bereithielt.
Niemand wagte zu sagen, daß es kein glückliches Leben war, das wir führten, doch wir hatten uns aneinander gewöhnt, an das Meer, die Geräusche vom morschen Dach und die Eichhörnchen, die in der Rumpelkammer ihre Jungen zur Welt brachten.
Hiro wachte mit scharfem Verstand und schlafend über die Türe zur Veranda, streckte die Pfoten von sich oder legte sich zur Seite, um im Traum einen kurzen Sprint einzulegen, wobei er zappelnd leise Grunzlaute ausstieß.

Donnerstag, 19. Januar 2012

All das ist, was man so für Leben hält

Im Licht sitzend Bücher zerreißen
Zurückgezogen im wortlosen Steinbruch
Kinderjahre in Landkarten eintragen
Die Müdigkeit im Reglosen wachsen lassen
Trotzdem eine Idee von Klarheit haben
Die Treppenstiege zum ersten Stock benutzen
Mit beschädigtem Willen denken
Kaffee im alten Porzellanfilter aufbrühen
Ein Haus in einem Park bewohnen
das Fenster zum See raus hat
und sich wünschen
dass man ganz ohne Gepäck angereist wär'

All das ist, was man so für Leben hält

Samstag, 14. Januar 2012

Pour vous, mes fauves

Die Blumen waren Anemonen, die Tiere waren Tiger, oder irrte ich mich? Es gab viel von allem, die Geschichten enden nie, die Worte verfallen, wie Mäuse ohne Knie, ins Tanzen und Taumeln, und romantisch wird es nie, auch wenn die Nächte  kürzer werden und alle sich beherrschen, die Gewalt zu kontrollieren, die gespürt wird in der Anordnung der Dinge, in der Pflege der Waffen, die frisch munitioniert in Schubladen und unter Tischen liegen, bereit für die ästhetische Revolution, die ins Soziale drängt. Die ins Fatale drängt, in Richtung verbotener Verwendungsweisen der Sprache.
Die Gedanken kratzen an den Verteilersteckdosen der Macht. Und was geht vom Volke aus? Ästhetisches Verlangen? – Das Verlangen nach Schönheit schmerzt in den Gliedern, die banale Evolution hat direkt zu dem geführt, was uns die Augen schließen lässt in den austarierten Blickwinkeln schwindender Einsicht. – Die Menschwerdung ist ganz schön schief gelaufen, viel mehr als die Feinstaubplakette ist nicht dabei herausgekommen, wobei mir als weitere Errungenschaften noch Jubiläumsgefangenenlager, Schokoriegel, Panade und Normalnull einfallen.
Setzt das Vermummungsverbot außer Kraft, schreibt in schönen Worten vom Versagen der Zivilisation und nehmt verdammt nochmal endlich diese Brille aus Fensterglas von der Nase. Die letzten Verteidigungslinien der Selbsttäuschung fallen im frühen Morgennebel, an der Grenze von Bewusstsein und Schaf.

Man würde sich wünschen, dass die Experimente im Genfer CERN ein für alle Mal außer Kontrolle gerieten. Andererseits: Soviel Gnade haben wir alle nicht verdient.

Immerhin: Unser endgültiges und spurloses Verschwinden wäre das größte Geschenk für die Tiere.

Samstag, 7. Januar 2012

Orden der armen Klarissen

Du gehst in den Garten, pflückst die Winterfrüchte, während ich schlafend auf dem dunklen Sofa vor dem großen Fenster liege und träume: von grausteinernen Hängen, in die Menschen an stählerne Haken gefesselte Ziegen gehängt haben. Wie irr gehen deren Augen voller Angst. Unter den mageren Hälsen sind kleine blecherne Eimer befestigt, um den golden sich ergießenden Strahl aufzufangen, der aus einer Wunde am Hals fließt.
Es ist eine Übung im Schächten, Schechita, doch der Tod tritt nicht ein, das Gold fließt ohne Unterlass und bodenlos sind die Gefäße, die tausendfach sich füllen ohne jemals überzulaufen.
Ich erwache und du kehrst zurück aus dem Garten mit einem Korb schwarzhölzerner Würfel unter dem Arm und sagst: keine Angst, es wird ganz schnell gehen, ich werde fünf Fehler vermeiden. Deine Augen blicken barmherzig, deine rechte Hand hälst du hinter dem Rücken verborgen.
Ich erwache zum zweiten Mal. Es ist dunkel im Raum, die Klosterglocken läuten: es ist acht Uhr.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Museumsinsel


Was ich bei weihnachtlicher Übernachtung in meinem alten Kinderzimmer gefunden habe:


-Ein Fässchen Batman-Tinte
-Ein Foto von mir als kleiner Mensch
-3 Packungen Esbit inkl. Miniofen
-Einen Bierbembel mit dem Aufdruck „REVOLUTION“
-14 Pelikan-Mini-Tramp Bücher für die Lektüre unter dem Schultisch (darunter mein Lieblingsband „Sein erster Jaguar“)
-Ein frühes Selbstportrait
-Einen Fotoband über nationalsozialistische Vernichtungslager
-Konspirative Aufzeichnungen auf essbarem Papier
-6 französische Telefonkarten und ein Pfeifenbesteck in einem Etui
-Einen geöffneten Commodore 64 mit aufgelötetem Turbo-Modul
-Ein chinaseidenes Tagebuch meiner Schwester
-Eine künstliche Zigarette, die beim daran Ziehen weiß qualmt
-Ein Kinderbuch, das mit "Als Birne, wie wir wissen, ihre allumfassende Weltherrschaft ausgerufen hatte..." beginnt und mit dem Satz "Je größer das Gehirn, desto schneller arbeitslos." endet.

 
Was meine Hündin unterdessen dort gefunden hat:

-2 Tennisbälle
-1 Softball
-1 Jojo

Donnerstag, 17. November 2011

Heavy Rotation

Die überschätzte Diagonale legt sich quer, in den Halbrunden der Hörsäle gehen die Uhren aus, verwegene Vaganten biegen Skulpturen aus nächtlichen Gleisen im Dunkel kauernder S-Bahnen. Die Stromproduktion läuft an, die Pipelines sind für uns alle gut, vor allem für die Hirten und die Schafe. Im lockigen Fell zeichnen sich Muster ab, Mandelbrotmengen vorhersagbarer Börsengänge. Einerseits muss man ganz dringend schlafen gehen, andererseits kann man nicht aufhören mit dem Nachdenken. Immerhin steht die Invasion kurz bevor, die hellen Bäuche der Alienschiffe schimmern durch die Wolkendecken über jeder größeren Stadt. Dazu wummern die repetitiven Strukturen industrieller Abläufe wie serielle Musik für ganz ganz helle Köpfchen.
Mal ehrlich: wer würde sich in dieser Welt nicht zu Hause fühlen?
Na, eben: Monsieur!

Sonntag, 6. November 2011

Ein Traum

Im harten Bett des Winterschlafs
liegt einsam eine Möhre
Ich schlaf heut nicht, ich bleib noch wach
Ich will sie doch nicht stören