Sonntag, 4. Dezember 2011

BWV 1007–1012

Ich kenne sie seit vier oder fünf Wochen, kenne sie, seit ich gefragt habe, ob ich ihr zuhören dürfe. Still saß ich dann bei ihr, ließ die Zeit verstreichen, während sie ihre Kadenzen strich, ihre Übungen machte, oder kleinere Passagen repetierte. Ausgeruht fanden ihre Finger den Weg über die Saiten, flog der Bogen seinen fremden Kurs, und ihre Augen waren kleine Vögel, in jenem neonbeleuchteten, kargen Raum mit den beigen Tapeten und dem grauen Linoleumfußboden. Zuweilen betrachtete ich ihr Spiegelbild im kalten Klavierlack, ihre energischen Bewegungen, so beneidenswert kontrolliert, ihre Gesten, so seltsam distanziert.
Und an ihr maß sich meine Stille, meine Reglosigkeit, mein Schweigen, an ihr maß sich, wenn sie spielte, die Welt. Ich sage dies nicht einen Moment unter dem Eindruck von Hingezogenheit, nein, ich will sie nicht näher kennenlernen, nicht besser, nicht anders sehen, als in diesem kargen Übungsraum mit ihrem Cello, diesen fliegenden Augen.

Kommentare:

lenikowski hat gesagt…

Erinnert mich an das schreckliche Lied von Udo Lindenberg und Clueso, "Du spieltest Celloooo" ... Grausam.

Anonym hat gesagt…

Sie wissen aber schon, dass antike Bildzeugnisse erstaunliche Interpretationen über Vögel/ Tauben in Bezug auf Augen befördern!?

Des_Esseintes hat gesagt…

Was meinen Sie? Tauben/Vögel als Begleittiere archaischer Liebesgöttinnen oder die Tauben/Augen-Nummer aus dem Hohelied?
Ohne jetzt zu sehr verbal abzugleiten, werde ich doch noch mal die Etymologie des Verbs "vögeln" im Kluge nachschlagen...allerdings sehe ich da keinen Zusammenhang mit der Autorintention (die selbstverständlich obsolet ist)...

Anonym hat gesagt…

Tauben/Augen-Nummer aus dem Hohenlied - folglich kein Grund zur Panik.
Ich hatte nur schon beim Lesen die alten Bilder im Kopf, um dann vom Erzähler so bitter in eine andere Richtung gestoßen zu werden.
Die Liebe gilt wohl nicht der Frau hinter der Kunst, sondern der Kunst selbst. Sehr schön und auch herrlich unverkrampft, so eine unpersonale Liebe.

Anonym hat gesagt…

Wieso ist der Kurs für den Bogen denn fremd? Hatte sie das Lied nicht vorher mal geübt?

Milla hat gesagt…

Möglicherweise weil ich hier tatsächlich Bach-Partiten (siehe Titel) einübe und eben kein Konzert gebe...