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Mittwoch, 10. April 2013

Dressed for success

Heute Nacht in einem Wohnwagen im dänischen Hinterland Weltrevolution geplant. Achtundsiebzig Seiten Aufzeichnungen zur Umverteilung von Produktionsmitteln, Waren und Reichtum, Verhinderung spezifischer Kapitalflüsse. 
Für die Aktion "Hagbard Celine" neun Programmierer angefragt, alte Fabrikhalle angemietet, Glasfaserbreitbandinternetanschluss online beantragt. Das Xetra-System mittelfristig auszuschalten, sollte keine Schwierigkeit darstellen!
Einzelne Projekte und Roadmaps erstellt, erste Konzepte zur Unterbrechung und Unterbindung von privaten Fernsehen- und Radioprogrammen. Berechnung vektoriell magnetischer Feldgrößen zur Konstruktion des großen Realitätsverbiegers angestellt. 
Auf YouTube narrensichere Anleitungsvideos für DoS- bzw. DDoS-Attacken eingestellt, Bauanleitung für Datenjammer gepostet,  Webcrawler ausgeschickt, Kommunikationsstrategie ausgearbeitet, Bot-Netz fürs Wochenende gemietet.
Als erster Arbeitsschritt einen acht Punkte-Plan zur zielgerichteten Identifikation der Massen mit dem Unternehmen skizziert, kleine Holzmindener Werbeagentur mit Logodesign beauftragt.
Dazu im Repeat 8 Stunden Pinky and the Brain, Titelsong.
Und plötzlich wenden sich Pinky und Brain aus dem Bildschirm an mich und fragen: „Ist das jetzt eine kritische Phase in der Geschichte?“ Und ich sage zu ihnen: „Wollen wir es hoffen!“

Dienstag, 19. März 2013

Betula incognito


Wildes Treiben auf dem Bahnsteig. Durchsagen und Blicke fliegen durch die kühle Luft. Der Russe mit der Waschbärmütze ist eben aus dem Zug gestiegen und bleibt vor mir stehen:
-Sind Sie nicht diese Birke? fragt er
-Birke? Ich?
-Ja, diese Birke, die früher vorm Fenster meines Kinderzimmers stand? Mein Lieblingsbaum und Schattenspender!
-Sehe ich denn aus wie ein Baum?
-Ähm, jetzt, wo Sie’s sagen, naja, hm, aber irgendwie...schon…
Sein Atem riecht leicht nach Schnaps und offensichtlich sind ihm seine Worte mittlerweile ein wenig unangenehm. Er errötet und räuspert sich, sagt „entschuldigen Sie“, dreht sich rasch auf dem Absatz um und geht davon.
Als ich am Tag darauf, auf der Wiese stehend, die Arme weit in den Himmel gereckt, sonnenfleckige Schattenmuster an die Hauswand male, frage ich mich ganz kurz: wie hat er mich nur erkennen können? Ich hatte doch einen Mantel an… und Schuhe, dazu ein T-Shirt und sogar eine alberne Basecap.
Ich runzele die Rinde. Es bleibt mir ein Rätsel.

Freitag, 25. Januar 2013

Wissenswertes für Eltern

Trinken Kinder von 3 Jahren Kirschsaft bei Dunkelheit und Sturm, bekommen sie unproportional große Füße.

Fahren Zehnjährige im Winter bei Ostwind und gleichzeitigem Schneefall mehr als 3 Stunden mit dem Schlitten, verschieben sich die Augenbrauen in Richtung Ohr.

Lässt man Kinder in ihrem siebten Lebensjahr an Gold lecken, mögen sie niemals im Leben Labskaus.

Zeigt man Zweijährigen einen Western in der letzen Aprilwoche, neigen sie später zu Ohrläppchen in der Form von Peru.

Sitzen Vierjährige mehr als 2 Stunden bei Schlagermusik gegen die Fahrtrichtung im Zug, können sie niemals ohne schreckliche Quietschgeräusche an eine Tafel schreiben.

Tunkt man die kleinen Zehen von Fünfjährigen in Nussöl, bekommen sie ein besonders feines Gehör.

Liest man Achtjährigen rückwärts aus dem Buch Deuteronomium vor, werden sie später besonders umsichtige Autofahrer.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Toilette des Grauens

Bis eben hab ich ja geglaubt, die schrecklichsten Toiletten seien jene am Bockenheimer Campus der Frankfurter Goethe-Universität, aber dieser Kurzfilm hat mich dann doch davon überzeugt, dass es immer noch schlimmer geht.

Dienstag, 3. Juli 2012

Auf Reisen

Um kurz nach zwei Uhr nachts auf der A5 Richtung Frankfurt bei Butzbach in einem Stau unüberblickbarer Länge zu stehen, ist sicherlich keine optimale Lage, zumal wenn nach etwa dreißig Minuten ein listig blinkendes Auto vorbei fährt, auf dessen Dach in roten Lettern das verheißungsvolle Wörtchen VOLLSPERRUNG in nachdrücklichen Majuskeln in die abgasgeschwängerte Luft strahlt.
Es hätte alles so frustrierend sein können, wenn aus dem Fond mir nicht eine Pfote das Reisespielset entgegengestreckt hätte, denn, das ist der heutige Sonderfall, die Hündin macht bei mir in Frankfurt Urlaub, sie hatte sich das schon länger überlegt, erzählte mir von der Schwanheimer Main-Düne und dass sie eben jene zu erkunden gedenke, sie außerdem für eine innerstädtische Flanerie bereits in Google Maps eine erbauliche Laufstrecke zwischen den Wohnhäusern der Köpfe der Kritischen Theorie ausbaldowert habe, man wolle schließlich, mit Verlaub, als Hündin von Welt, an dem Teilhaben, was der Mensch (hier wandte sie den Kopf spöttisch ab) allgemein als Bewusstseinsbildung bezeichne.
Aber ich schweife ab. Eben jene Hündin also streckte mir unversehens das Reisespielset meiner Kindertage entgegen und äußerte, dass wir durchaus eine Partie wagen könnten, "Malefitz" oder ihretwegen auch "Mensch ärgere dich nicht", selbst wenn der Titel dieses Spiels speziezistisch sei, ihm also ein unvertretbares soziales Konstrukt zugrunde liege - es sei denn, die Erfinder wären, durchaus nicht unberechtigt in ihren Augen, bereits bei der Konzeption davon ausgegangen, dass der Mensch hier, wie in so vielen Lagen, der Unterlegene sei.
Ich werfe ihr an dieser Stelle wortreich einen animalischen Chauvinismus vor, aber sie will davon nichts hören. Stattdessen wählt sie Schwarz als ihre Farbe, stellt die Spielfiguren auf, würfelt mit einem wohldosierten Pfotenhieb und schaut triumphierend auf die gefallene Sechs.
Als auch ich eben würfeln will, fahren die Wagen bereits wieder zaghaft an. Und es ist wie immer: anstatt zu spielen, haben wir uns in eine schnippische Diskussion verstrickt - aber auch das ist eine Weise, die Zeit zu überbrücken, zwischen Bewegung und Stillstand.

Dienstag, 5. Juni 2012

Bricolage exorbitant


Jeden Tag ein neues Kunstwerk, sagt der Vater zum Sohn und baut mit ihm aus einem alten Schuh, einer Miesmuschel, dem Fellbüschel eines Ozelots und etwas Fimo eine Büste von Andreas Baader, die sie mit Strohhut und Sonnenbrille verfeinern.
Das ist mir zu Pop, sagt der Sohn und versteckt das Ungetüm tags darauf beim Geocaching.
Bald basteln die beiden aus 4 Stunden fallendem Regen und 7 Kilo Straßenkreide einen Carport, der sich nicht verstecken muss. Der Vater fährt seinen verbeulten Polo darunter und beide wundern sich doch ein wenig, dass das Teil seinen Zweck ganz gut erfüllt.
Schnell konstruieren sie aus einer nicht unerheblichen Menge Himbeermarmelade, einem Päckchen Vanillinzucker, 28 Holzschrauben, 20 ml Terpentin und ein paar Säcken Blumenerde und Rindenmulch eine Fin-de-Siècle-Stadtvilla, in der sich ganz prima leben lässt.
Bei alledem, sagt der Vater, darfst Du nie vergessen, dass Bohrmaschine und Heißklebepistole die wichtigsten Segnungen der Menschheit sind!
Ich weiß, sagt der Sohn, solange die Gedanken nur kühn genug sind, lässt sich damit alles bewerkstelligen.
Eben!, sagt der Vater, Das ist der magische Idealismus. 
Und, fragt der Sohn, was stellen wir morgen an?
Da sagt der Angesprochene: Denk Dir was aus, wir haben hier noch eine alte Hundeleine, zwölf Quarkspeisen, die Armlehne eines Rattansessels, eine kaputte Uhr und jede Menge Pfandflaschen...

Donnerstag, 17. Mai 2012

Erkenntnisse des Tages

1. Ein Landtagsabgeordneter in NRW verdient monatlich 10.093 € + Zulagen. Bereits nach 6 Jahren Tätigkeit hat er Anspruch auf 2625 € Altersversorgung.
Andererseits arbeiten 22% aller Vollzeitbeschäftigen in Deutschland für weniger als 8,50 € in der Stunde (= weniger als 1280 € mtl. vor Steuern). Einen bundesweiten Mindestlohn zu beschließen, erscheint dem Arbeitgeberpräsidenten Herrn Hundt vor diesem Hintergrund als ziemlich unnötig. Die Niedriglöhne in anderen Regionen der Welt im Vergleich aufzuführen wäre zynisch.

2. Der neue deutsche Umweltminister Altmaier hat Jura studiert, war im EU-Verfassungskonvent und Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Partei. Nur mit einer Sache hat er sich offensichtlich noch nie auseinandergesetzt: Umweltpolitik. Na, herzlichen Glückwunsch und willkommen im Kompetenzteam!

3. Seit 1970 sind mehr als 30% der Arten ausgestorben. In tropischen Regionen ca. 60%. -- Und in Borneo gibt es Bordellbetreiber, die weibliche Orang-Utans - eine der bedrohtesten Tierarten - rasieren, in dunkle Buden sperren, an ein Bett ketten und an arme Freier zur sodomistischen Vergewaltigung vermieten.

Immer weiter so! Das können wir doch noch besser!

Montag, 7. Mai 2012

Grundzustände selbstadjungierter Operatoren


Ein Mensch geht gemessenen Schrittes in den Kreinraum, den Raum hinter der Formel, zwischen den Ziffern, den Hilbertraum des Vektorgefängnisses, die weiße Leere, die Schneeverwehung. Als jener verdammt, der die Hand gegen die Liktoren erhob; jener, der nicht zur Einsicht kam.
Die Herrschaftslosigkeit des Zahlenraumes war Teil seiner Berechnung gewesen, die informelle Organisationsstruktur hatte Symmetrien aufgewiesen, die nicht erklärbar waren. Mit dem Ziel der Fundamentalzerlegung hatte er angesetzt - nun war er Gefangener.
Sie jagten ihn durch das Lorentzskalarfeld, dezimierten die Lagrange-Dichte und zirkelten ihn ein, beschimpften ihn als spinloses, massiv geladenes relativistisches Teilchen, doch ihre Klein-Gordon-Rechnung ging nicht auf.
„Ich mache keine Aussagen zur Lösbarkeit des Cauchyproblems!“ – mehr konnten Sie ihm nicht abpressen, das war die maximale Approximation.

Dienstag, 13. März 2012

Epitaph für ein armes Schwein

Danke, Marktkauf! Hätte ich nicht ohnehin vor einiger Zeit den Schweinchen den Laufpass gegeben, ihr hättet mich bestimmt überzeugt. Allerdings kann man so ein halbes Schwein ja auch für alle möglichen anderen Sachen nutzen: Schießübungen, Karnevalsmaskierung, als kleinen Erschrecker, zum Schmusen, als "bessere Hälfte" für nekrophile Sodomisten usw.

Aber mal ernsthaft: wie pervers ist eine Welt, in der man für 1,50 € ein Kilo Lebewesen bekommt? Mit Kopf!

Dienstag, 6. März 2012

The Doors of Perception

Er klingelt nachts bei mir und flüstert: „Hey, wie sieht‘s aus? Mit Kerouac das Bewusstsein chemisch erweitern, mit Baudelaire den weißen Milchsaft des Schlafmohns trinken oder mit Novalis die schweren Flügel des Gemüts im Opiumrausch heben und des Mandelbaums Wunderöl besingen. Na? Wie wär’s?“

Und mal ehrlich, wer von euch hätte da „Nein“ gesagt?!

Als wir dann unterwegs sind, grummelt er: „Sie haben die Welt zubetoniert und überall die gleichen H&M-Filialen eröffnet, das kann man sich einfach nicht mehr schönsaufen. Es ist doch schlimm genug, dass wir Johnny Cash überlebt haben. An dem Tag hätte man einfach abtreten sollen!“

„Mal ruhig“, sage ich, „Frühlingszeit ist Bastelzeit und wir bauen uns jetzt so eine Art Metro in den Kopf und da steigen wir dann ein und schauen mal, ob da ein Licht am Ende des Tunnels brennt.“

„Alter!“, sagt er, und wieder: „Alter!“ Und dann noch: „Du weißt sowas von Bescheid, Mann!“

Später sitzen wir in der Metro und schauen raus. Es rauscht und blitzt und wir fahren durch Räume voller Dinge und Zustände, in manchen schneit es, in anderen liegt Laub, in einem macht ein Typ einen Kopfstand, der original aussieht wie Bret Easton Ellis, der sich als Holden Caulfield verkleidet hat. Gegenüber flitzt eine Halle voller Französischer ASMP-Lenkwaffen mit TN81 Sprengkopf vorbei, dann brennende Wälder, zwei Strandbars, ein Kino, in dem ein Film von den Marx Brothers läuft, Jane Fonda als Barbarella, die Beerdigung von Maguerite Duras – so geht’s Stunde um Stunde weiter und weiter down the rabbit hole.

Am Ende ist alles ruhig und dunkel, wie ausgeknipst. Die Stille ist so total wie die Abwesenheit jeglichen Lichts. Wir stehen vor einer völlig schwarzen Wand und er sagt: „Jetzt ist es soweit. Setz‘ die Sonnenbrille auf!“

Freitag, 2. März 2012

Eine Fledermaus
Hat sich auf mein Herz gesetzt
Und sich mit den Füßchen verheddert
In all den Datenkabeln, die da liegen
Und ich hab ihr helfen wollen
Zwischen USB und HDMI und Digital Koaxial
sATA und ‘was Proprietärem von meinem komischen MP3-Player
Doch dann stellt sich heraus:
Sie hängt fest mit den Senkeln ihrer batmanmäßigen Schnürstiefelchen
Und die zieht sie aus und flattert und ruft
Barfuß fliegen ist eh viel schöner

Jetzt werdet ihr sagen
Das ist doch Quatsch
Das glauben wir nicht
Doch jeder, der mich besucht
Staunt über die ledernen Stiefelchen
Die so filigran sind
Dass man nicht einmal mit dem kleinen Finger hineinschlüpfen kann

Dienstag, 17. Januar 2012

Kracher

Mit diesem Plakat wirbt die Linke Liste an der Goethe-Uni für ihre Kandidatin Veronika Kracher. Schön, dass das möglich ist. An anderen Unis wäre die Dame schon verhört und ins Lager verbracht worden.
Sicher ein prekäres Spiel mit der Symbolik der linksautonomen Szene, aber eben nur ein Spiel. Und Radikalität impliziert definitorisch keinesfalls Gewalt, sondern nur die grundsätzliche Veränderung der Zustände, eine Absage an den allerorten gepflegte lauen Reformismus. Pejorativ wird der Begriff allgemein gebraucht, um sprachlich zu stabilisieren, was politisch befürchtet wird.
Natürlich könnte man so ein Plakat ebensogut auch "albern" nennen, aber, hey, warum nicht mal so?!

Samstag, 26. November 2011

Crazy Clown Time

Zeit für einen letzten Spaziergang, es scheint allerdings kalt zu sein, mondlose Nacht. Die Häuser tun die Augen auf, der Wald steht schwarz und abgedrängt und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar. 
Im Park steht ganz zentral ein gigantischer stählerner Müllcontainer, den ich umstreife wie ein Pilger die Kaba, die Hündin hält Abstand und das Ding für verdächtig. - Das ist vielleicht genau die richtige Situation, um in das neue David Lynch-Album "Crazy Clown Time" mal reinzuhören. Und wirklich: es wird unwirklich.
Plötzlich steht in roter Schrift "Dutschke" auf dem Container und er sieht irgendwie auch ein wenig rebellisch aus. Ich flüstere "Ey, Rudi, altes Haus, biste da drin?", doch niemand antwortet. Vorsichtig klopfe ich an die metallene Wand und hohl klingt es wieder. Ich lausche, klopfe abermals, räuspere mich und sage "Herr Dutschke?" - Nichts geschieht.
Die Hündin kommt zurück und fragt, ob es denn nun weiterginge, ich hätte schließlich lange genug am Container gestanden und ganz offensichtlich sei Rudi nicht darin, außerdem sei "Dutschke" ja nur ein Nachname wie tausend andere auch, da könne ich doch wohl kaum schließen, dass, wo Dutschke draufstehe, auch Rudi drin sei, sie habe da so ihre Erfahrungen - und sowieso, Worte seien im Allgemeinen nur Schall und Rauch, abgesehen davon habe sie eine auffällige Ähnlichkeit des Containers mit dem Monolithen aus "2001: A Space Odyssey" bemerkt, die ihr Anlass zur Sorge gäbe, es wäre, bitteschön, ganz freundlich von mir, mit ihr gemeinsam Fersengeld zu geben.
Ich sehe sie an und frage einigermaßen erstaunt: "Du? Seit wann magst du denn Kubrick?"