Dienstag, 3. Februar 2009

Wagen

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.Seneca

Ja, genauso ist das. Die Philosophie der Lebenskunst weiß Bescheid, aber das Leben macht was anderes. Und ich wage dies nicht und wage jenes nicht. Und überhaupt: was weiß Seneca eigentlich von mir, der alte Sack! - Tja, stellt sich heraus, dass er zuviel weiß und Recht hat.
Und ich? Ich wage es nicht!

Mal unter uns Betschwestern: früher ist man mit nem Steckschuss doch noch schwimmen gegangen und hat sich nicht durch eine kleine Gewehrsalve vom Eiswagen verjagen lassen. Was ist denn da schief gegangen? Ich meine: warum bewaffne ich mich nicht und entvölkere diesen Teil der Stadt? Ist doch eh nur Nekropolis. Das würde ja überhaupt niemandem auffallen, wenn 3 Leute weniger in den Mediamarkt schleichen würden, oder?

Genuss ist die Abwesenheit von Schmerz - so paraphrasiere ich mal den alten Seneca. Schön, wenn man nichts mehr merkt! Ne, heute ist nicht mein Tag. Ja, vielleicht sollte ich nochmal PLATTFORM von Houellebecq lesen - das ist wirklich witzig! AUSWEITUNG DER KAMPFZONE ist mir heute eindeutig zu nah dran, das kann ich mir nicht geben.

Zeit für etwas PETER LICHT, aus: Räume räumen

"Der Raum ist voll, doch keiner ist da
Das hier erreicht mich
Erreicht mich nicht

So viele Sekunden hat mein Tag nicht
Die ich bräuchte, um mein 'nein' zu sagen
Meine neine.. nein, nein, nein
Meine neine.. nein, nein

Nein, nein, nein
Nein, nein
Nein

Hier muss ich nicht sein, hier möcht ich nicht mal fehlen"

sagt's und ward nicht mehr gesehen...

Montag, 26. Januar 2009

Schulkameraden

Hitler und Wittgenstein, beide 1889 geboren, beide Schüler der Linzer Oberrealschule (hier ein Foto der Jahrgänge 1903/04).
Haben sie miteinander gesprochen, argumentiert, sich auf dem Schulhof geprügelt?
Beiden haftet, zumindest wenn man Aussagen der Biografen glauben darf, eine latente, unterdrückte Homosexualität an. Schnell sind noch die absurdesten Situationen denkbar.
Und wie kann es sein, dass einer der größten Denker und einer der größten Verbrecher sich von Herkunft und Umfeld so ähnlich waren? "Worüber man nicht reden kann, davon muss man schweigen.", sagt Wittgenstein. Und Hitler? Der arme Bub?! Stellen wir uns das übliche Zeitmaschinen-Szenario vor: wir beobachten die beiden, sie tauschen Murmeln, reden, schweigen - oder haben einfach gar nichts miteinander zu tun. Wittgenstein stellt Hitler ein Bein, Hitler ist sauer... Oder worüber streiten sich solche Menschen als Kinder?

Donnerstag, 25. September 2008

Bestseller

Da schlendere ich heute fast bewusstlos durch die Neonreklamen einer Buchhandlung und komme vor einem durchnummerierten Regal zu stehen, daran die Spiegel-Bestsellerliste:


Nr. 1 der Bestsellerliste, Belletristik: "Feuchtgebiete"

Nr. 1 der Bestsellerliste, Sachbuch: "Bushido, Autobiografie"

Der Führer schenkt seinen Klonen eine Stadt - und dann das!

Samstag, 6. September 2008

Augen auf und durch!

Es hat keinen Sinn, die alte Vogel-Strauß-Taktik zu fahren - wenn man sich der schrecklichen Wahrheit nicht verschließt, ist man ganz einfach besser vorbereitet... ...und besser vorbereitet zu sein heißt dann: überleben!
Die Untoten werden irgendwann über uns kommen, und wenn man nur halbwegs genau hinsieht, kann man sie schon in allen Ecken entdecken: sie lauern, sie harren und warten, sie wollen unser GEHIRN (und natürlich einen Gutteil unserer Eingeweide usw.). Die ZOMBIES sind unter uns, sitzen an der Supermarktkasse, reden im Parlament und klicken im Kino neben uns langsam eine bescheuerte SMS in ihr Zombiephone.

Zum Glücke hab ich dieses wunderbare Buch entdeckt, das endlich alle Maßnahmen aufführt, um sich zu wappnen für den Tag, an dem die Untoten nach der Herrschaft und meinem Hypothalamus greifen!

Da ist zu lesen, welche Waffen zur Ausrüstung gehören sollten, aber auch wie man Medienberichte richtig deutet, sich zu einer starken Gruppe findet, das Haus absichert, Nahrung besorgt und ganz einfach die gröbsten Schnitzer vermeidet, die nun mal im Umgang mit Untoten passieren können.

Ein Objekt meiner sicherheits-verliebten Begierde bleibt allerdings weiterhin dieses Zombie-Attack-Survivalkit: scheinbar ausverkauft, ich kann's jedenfalls nirgends mehr entdecken. Weder Amazon noch Ebay haben es im Programm und selbst im Aldi sind sie alle weg. Und insgeheim weiß ich natürlich: Das ist kein gutes Zeichen! Nein! Definitiv überhaupt kein gutes Zeichen!!!

Samstag, 23. August 2008

Zerstückelungsfantasie - Tschack, tschack

Ach, es ist schrecklich! Ich hab da gerade solche Perlen der Phantastik gefunden. Aber statt weiter zu lesen, muss ich die Textredaktion für ein Rätselbuch (in der Art von Black Stories) machen. Blöderweise werde ich dann nie wieder Black Stories spielen können: ich werde ganz einfach alle Lösungsansätze kennen. Aber irgendwoher muss ja auch Geld kommen, oder?
Und weswegen grämt mich das Ganze so?
Ich bin ja oft nicht so für deutsche Literatur zu haben, zumindest wenn es mich ein wenig unterhalten soll. ABER heute hab ich erst von Hanns Heinz Ewers Die Spinne (1907) gelesen (und es war echt gruselig), dann die sehr stimmungsvolle kleine Thomas-Mann-Geschichte Der Kleiderschrank (1899) (nicht wirklich schwere Kost, sondern genauso unterhaltsam wie Felix Krull + Nebel & Geist) und zum Abschluss Das Grauen (1901) von Paul Ernst.

Paul Ernst wurde 1866 geboren und sah Zeit seines Lebens ziemlich harmlos aus. Das kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass es in Das Grauen eigentlich nur um die Zerstückelung eines gefesselten Mannes mit einer Axt geht: "Da ließ der Henker am linken Bein sein Beil niederfallen, welches blitzte, und der Fuß des Gefesselten sprang fort." - Das klingt doch schon ziemlich nach der Eröffnungssequenz von Ein Zombie hing am Glockenseil, oder? Sehr geschmackvoll geschildert, und das Publikum ist höflich interessiert: "Die einen behaupteten: jetzt kommt die linke Hand; und die anderen: jetzt kommt der rechte Fuß."
Ich bin schon ganz scharf darauf, Die sonderbare Stadt vom selben Autor zu lesen: da gibts so eine komische chinesische Heilige, die dort zu faulen beginnt, wo der geneigte Besucher sie berührt. Damit sich 'das Böse' daraufhin nicht am schönen Körper ausbreitet, werden die jeweiligen Gliedmaßen schnell abgehackt (ja, da denken wir natürlich alle an den Anfang von Braindead).

Mann, mann, mann, ich weiß ja nicht ob die Familie Ernst in eine Axtfabrik investiert hatte, aber wenn sich das in den anderen Geschichten weiter so häuft... ...hm, es scheint eine kleine Obsession von Paul zu sein.

Für Kafka war ein Buch "die Axt für das gefrorene Meer in uns" (Tagebuch). Das ist doch schon mal ein Ansatz... ...für eine vernünftige Zerstückelungsfantasie, meine ich ;-)

Donnerstag, 14. August 2008

Aus der Filmhölle (1): They saved Hitler's Brain

Ich hab's ja immer gewusst: er lebt noch! Und dieser Film erzählt die wahre Geschichte des "Führers" nach '45: Irgendwelche Nazi-Schergen schlagen Adolf den Kopf ab, um ihn zu konservieren und bringen ihn nach Südamerika (immer ein super Naziversteck!). Ziel: Wenn die Zeit reif ist, kann man den Käse mit dem "3. Reich" ja noch mal probieren, unter Leitung des ursprünglichen Masterminds aus der Alpenrepublik. Ende der 1960er ist es dann soweit; die Nazis entführen einen Top-Wissenschaftler und zwingen ihn dazu, das braune Gehirn wieder zu beleben. Der Actionteil besteht nun darin, dass diverse Geheimdienstagenten versuchen, die Rückkehr des Bärtchenträgers zu verhindern.

Recycling und Grüner Punkt sind ja was Tolles, aber dieser Zweitverwertungsversuch ist keine besonders glorreiche Idee. Man wäre ja versucht "Herr, lass Hirn vom Himmel regnen" zu rufen, wenn's davon (zumindest rein materiell) nicht schon genug in dieser Filmgurke gäbe: They saved Hitler's Brain (1963) ist einfach zu schlecht, um wahr zu sein...und debile Despoten gibt's ja eh schon genug!

Mittwoch, 13. August 2008

Science Fiction von gestern

Ja, die fiese, böse, schmierige SF-Literatur. Die Literaturwissenschaft mag sie nicht so richtig, und damit man die besten Texte für die E-Literatur retten kann, sind sie nicht SF, sondern Utopie, Dystopie, was auch immer...

Samjatin, Huxley, Orwell, Bradbury - Utopie, was sonst?

Naja, die letzten Jahrzehnte haben die SF schließlich ein wenig rehabilitiert. Lem & Asimov kann man nun auch schlecht als Schund bezeichnen.

Was aber so lange im Argen lag, hat sich nicht plötzlich gebessert: Nach wie vor sind wichtige Texte komplett in Vergessenheit geraten oder nur einer kleinen Fangemeinde bekannt.

Zum Beispiel Kurd Laßwitz: Weiß überhaupt noch jemand, dass es auch einen echten deutschen Vater der SF gibt? Jemand, der noch vor Wells' (zugegebenermaßen großartigen) War of the Worlds (1898) die Anwesenheit der Marsianer auf der Erde beschrieben hat?

1897 publiziert Laßwitz Auf zwei Planeten, ein Roman in dem die kleinen grünen Männchen weniger böse, aber kaum weniger faszinierend sind als in Wells' Version.

Eine andere Sache: grundlegende Texte der englischsprachigen SF sind nach wie vor unübersetzt:

  • J. D. Beresford, The Hampdenshire Wonder, 1912: Die Geschichte des neuen Menschen als Kind mit Psi-Fähigkeiten
  • George Allan England, Darkness and Dawn, 1914: Chef und Sekretärin wachen auf der zerstörten Spitze des Empire State Building auf - nach der Apokalypse

Vielleicht sollte ich mich mal ans Übersetzen machen?

Dienstag, 12. August 2008

Knister Bliep Schrammel

Freie Musik im Netz ist ja so eine Sache: oft nicht so der Reißer bzw. nicht so originell, wie die Unabhängigkeit von irgendwelchen Pseudo-Megastar-Plattenmachern vermuten ließe.
Aber es gibt echte Perlen - z.B. Pornophonique mit ihrer wunderbar knarzenden und fiependen Platte 8-Bit Lagerfeuer. Da findet zusammen, was eigentlich von Schöpfung an für einander gedacht war: die Klampfe und der Gameboy; dazu Texte die sich gekonnt im Metapherarsenal der Videospiele bedienen:

Show me some bonus points
some golden coins
I need an extralife
I need an extralife

Glückwunsch Jungs: Geile Platte - und das ganze auch noch gratis im Netz: http://pornophonique.de/music.php

Wasserleiche zum Träumen

Rilke und viele andere hatten einen Abguss ihrer Totenmaske im Boudoir: Die schöne Tote aus der Seine.

Ein modernen Mythos der Jahrhundertwende, Wasser auf die Mühlen der empfindsamen Décadence...

Angeblich handelte es sich bei der unbekannten Leiche, die 1900 in Paris aus der Seine geborgen wurde, um eine junge Selbstmörderin. Ein Angestellter der örtlichen Morgue fand ihre Schönheit so berückend, dass er einen Gipsabdruck ihres Gesichts nahm und davon eine Totenmaske fertigen ließ, die bald ziemlich en vogue war.

Ein wenig morbid, - aber schon kurz darauf als Reproduktion in jedem besseren Künstlerhaushalt des alten Europa zu finden.

Von Reinhold Conrad Muschler gibt es eine reichlich spekulative Novelle (>Die Unbekannte<), die die Vorgeschichte der Schönheit in die Fiktion überführt: damals in Deutschland ein Bestseller! Obskur: in Frankreich verpasste eine Firma der meistverkauften Erste-Hilfe-Übungspuppe das Antlitz der geheimnisvollen Schönen. Wenn das nicht zum Wiederbeleben motiviert, weiß ich's auch nicht mehr ;-)

Die Übersetzung

Manchmal stößt man ja auf krummen Wegen auf Geschichten, die einen bewegen: Ich war dabei, Baudelaire-Übersetzungen ("Fleurs du mal") zu vergleichen und wurde mit keiner so richtig glücklich, außer der Fassung, die von einer gewissen Therese Robinson übersetzt wurde - ja, die gefiel mir wirklich gut. Also flugs im Internet nach der Übersetzerin gesucht:

Robinson Therese Albertine Louise R., geb. v. Jacob, 1797-1870 (Schriftstellerin, als solche Talvj genannt).

Naja, 1857 sind die "Fleurs du mal" erschienen, da wird sie sie mit über 60 Jahren übersetzt haben... Aber nein: ich finde noch eine zweite Therese Robinson:

In Wirklichkeit hieß sie Karin Delmar, 1873 geboren, 1925 hat sie die "Fleurs" übersetzt, zwei Jahre später die Shakespeare-Sonette.

1933 von den Nazis deportiert - und auf dieser Deportationsliste taucht ihr Namen zum letzten Mal auf; man geht davon aus, dass sie noch im selben Jahr ermordet wurde...

Einer Vorübergehenden
Die Straße heult und rasselt fieberhaft.
Da schreitet zwischen Lärm und Gassenhauer
Ein schlankes Weib in majestätischer Trauer,
Mit stolzer Hand des Kleides Saum gerafft;
Geschmeidig, zart, das Bein schlank wie gemeißelt.
Aus ihrem Blick, drin Himmel fahl und starr
Und Stürme ruhn, saug' ich, ein kranker Narr,
Leid, das berauscht, Lust, die zu Tode geisselt.
Ein Blitz ... dann Nacht! – O schöne, flüchtige Frau,
Aus deinem Blick strömt Kraft und Leben nieder.
Ob ich dich erst dort drüben wiederschau?
Verändert, fern! zu spät! ach niemals wieder!
Fremd mir dein Pfad, mein Weg dir unbekannt, –
Dich hätte ich geliebt, dich, die's erkannt!


(Übersetzung von Baudelaires A une passante von Karin Delmar)