Freitag, 21. Oktober 2011

Montag, 17. Oktober 2011

Now I know: a year has 12 days

Eine Biene fliegt um den Kaffeebecher. Niemand weiß, was es bedeutet.
Ich stehe auf und sage: "Sie ist tot!"
Die anderen sehen mich nicht an, aber ich weiß, dass sie keine Ahnung haben, wovon ich spreche.
Ich sage: "Manchmal schreibt sie ein Wort so oft, dass eine einsame lange Schlangenlinie daraus wird. Dann darf man ihren Namen nicht sagen. Sie ist im Begriff zu vergessen, wer sie ist."
Die anderen schauen zu Boden, setzen aber dann ihre gemurmelten Unterhaltungen fort.
Es kann sein, dass diese Abende länger sind als andere. Auf sie folgen stille rußgeschwärzte Nächte.
Und die Biene?
Was flüstert die verirrte Biene in Gegenwart des Kaffeebechers?

Freitag, 14. Oktober 2011

Die Hausnummer ist 123

„Die Spiele haben Farben wie anderswo die Tiere“, sagt sie und lacht. Ich schüttele den Kopf: „Das ist mir zu politisch.“ Ich lache nicht. Wir lauschen auf den Äther: In Frankfurt zünden sie die Autos an, im Radio ist man bemüht, zu erklären, dass es alle Fabrikate betrifft – wichtig: Kraftfahrer-Solidarność erzeugen! Nächste Meldung: Occupy Wall Street und „Fuck the FED“ – ernstzunehmender Widerstand? In den USA? Da brat mir aber mal einer einen Storch! Meanwhile in Germany: Arbeitgeberpräsident Hundt hält Mindestlohn für "realitätsfern", er will die "Geringqualifizierten" durch Unterbezahlung 'in Schutz nehmen'. *hust*
In Frankreich: Schülerproteste gegen die Rentenreform! Mein lieber Scholli, was sind die Eleven weitsichtig. Und schon wieder brennen Autos. Haben denn die Leute den hübschen Meinhof-Aufsatz zur Kaufhausbrandstiftung nicht gelesen? Warenvernichtung kitzelt den Kapitalkreislauf kurz am Fuß und alle lachen. 
Später: Die Funknachrichten sind passé und wir stehen im leichten Regen vor Adornos Haus in der Kettenbachstraße, Frankfurt/Main. Sie raucht eine Zigarette zu Ehren des zweitgrößen Fernsehqualmers aller Zeiten und sagt: „Die Grenzen der Welt sind die Listen der eigenen Angst. Niemand kann sich von ihr freisprechen, aber jeder kann sie überschreiten.“

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Nacht, Regen

Bei diesem Wetter drei Uhr nachts mit dem Hund rausgehen, durch den Regen stapfen und "Plainsong" von The Cure hören. Fühlt sich an, als würde es nimmer hell!

>> "I think it's dark and it looks like rain," you said, "And the wind is blowing like it's the end of the world," you said, "And it's so cold it's like the cold if you were dead," and then you smiled for a second. <<

Dienstag, 11. Oktober 2011

Kalte Herberge "Utilitaristische Ethik"

Moral und Freiheit, Umstände und Nutzen, Einschränkungen und Entschuldigungen. Infiniter Regress, Zirkelschluss, und eins fehlt noch (oder drei, je nach Modell).

Kann man bei allem fragen, woher es kommt, welchen Schaden seine Objektwerdung angerichtet hat und noch anrichtet?
Das Abstrakte eines fernen Todes macht unsere Produkte so leicht und günstig, unsere Tage so gutlaunig und bedürfnisreich, so erfüllt und bequem. - Doch Sokrates fiel das Trinken nicht schwer. Jene, die sich durch das Urteil ins Unrecht setzten, sah er als verzweifelter. Also lieber Unrecht leiden als Unrecht tun?

Freitag, 7. Oktober 2011

Der Abstieg

Verachtung für die Götter, Hass auf den Tod und die Liebe zum Leben: diese drei Dinge zeichnen Sisyphos – so Camus – aus.
Sisyphos stört die olympische Ordnung. Er verrät die geheimen Machenschaften Zeus’, legt Thanatos in Ketten, sodass auf Erden niemand mehr stirbt, und kehrt listig aus dem Reich des Todes zu seiner Frau zurück.
Doch Zeus’ Rache ist unausweichlich und so kommt der Mensch zu seinem Felsen, den er wieder und wieder den Berg hinauf zwingt.
„Sein Schicksal gehört ihm.“ Indem er den Stein als sein Schicksal annimmt, indem er am Hang mit der Inbrunst des Menschen wütet, vertreibt er die Götter aus dieser Welt.
„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ – und Sisyphos führt seinen Fels, immer wieder aufs Neue. Er weiß, so Camus, „dass die Nacht kein Ende hat.“
Doch jede Form der Materie hat ein Ende und Sisyphos hat Zeit: er zerreibt den Stein am Hang. Das ist seine Lösung. Und er besiegt die Götter ein letztes Mal. 
Ich glaube, wir müssen uns Sisyphos nicht nur als einen glücklichen, sondern auch als einen geduldigen und entschlossenen Menschen vorstellen. 

Samstag, 1. Oktober 2011

Wiesengrund tut Wahrheit kund

»Die Evidenz des Unheils kommt dessen Apologie zugute: weil alle es wissen, soll niemand es sagen dürfen, und gedeckt vom Schweigen mag es denn unangefochten weitergehen. [...] Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.«
Adorno, Minima Moralia

Donnerstag, 29. September 2011

Systemzeit

Ich hätte in Hotels gelebt
mit schweren englischen Vorhängen
und hohen Fenstern
jede Nacht das Zimmer gewechselt
das elektrische Licht gelöscht
die Jugendstilmöbel hätten ausgesehen
wie damals in Bruxelles
vor der Flut

Und Maldoror, mein Liebster,
hätte die Wunden geöffnet,
um die Sterbenden zu kosen

Doch jetzt ist jetzt:
An einem Tag der Schatten
Bist du frei?
Im letzten Bogenstrich der Fuge
wo das Interstellare ausfranst
such ich Freiwillige für den Galgen
Die Wellen schlagen ans Nachtschiff
Hammerschläge der Armut

Es gibt kein Vermächtnis
und aus Glas ist die Hoffnung der Kinder

Montag, 26. September 2011

Richards Schnäuzer

Nacht. Zeit, sich nach Babylon einzuschiffen. Detective Smith Smith kämpft gegen die Roboterarmee. Er träumt kämpfend und kämpft träumend - der Grund, warum er nie ein besonders vielversprechender Privatdetektiv war.
Das Licht der Straßenlaternen reißt Halbkreise aus dem Dunkel, der Typ im Leichenschauhaus kocht den scheußlichsten Kaffee aller Zeiten, die blonde Dame trinkt ihr Bier ohne Maß.
Als C. Card bin ich in den Straßen von San Francisco unterwegs, während im Redwood Creek die Zeit innehält, kurz aufatmet und sich im Rauschen der Bäume fortsetzt.
Es ist Zeit, in die Bibliothek zu gehen, in der all die Bücher stehen, die niemals gedruckt wurden. Es ist Zeit das Schlüsselwerk über 'Kakteenzucht bei Mondenschein' zu lesen, zwischen den Regalen entlang zu schlendern, den Finger über die Buchrücken streichen zu lassen, die Jahresringe der Mammutbäume ungezählt zu bestaunen.
Jimmy Pygmalion verfolgt die Dame, die er sich selbst basteln wird, bricolage heißt das Konzept, und wildes Denken - bevor die Zusammenhänge durch die idiotische Kausalität erkalten. Die Kyniker halten uns die Wahrheit vor Augen.

Am Ende aller Zeit zählt allein: Warst du rechtzeitig Forellen fischen? Oder hast du wieder nur auf dem Balkon rumgehockt und aus Maisblättern gedrehte Zigaretten geraucht?

Samstag, 24. September 2011

Montag, 19. September 2011

Als Jean-Luc Godard den Jump Cut erfand...

...also etwa 1959 oder 1960, was weiß ich wann er À bout de souffle geschnitten hat, hab ich noch nicht existiert und rechts war noch rechts und links noch links. Kapitalismus war noch kein lustiges Wort, keiner hat dazu gelacht und die fatale Wippe aus Markt und Macht und Staat war vielleicht noch etwas beweglicher. Afrika war nach der Abschüttlung diverser Kolonialmächte berechtigt, ein wenig Hoffnung zu entwickeln und JFK nahm die Welt mit seinem Zahnpastalächeln für die USA ein, solange man sich nicht zu sehr bemühte, hinter die Fassade zu schauen.
Am 19. September dachte ein gewisser Markus Hembswegger über den Zustand der Welt nach - und kam zu keinem konkreten Ergebnis. Außer vielleicht: 'es gibt stündlich weniger Dialektsprecher' und 'sieben mal sieben ist deutlich mehr als 45'.
Adorno notierte sich in sein berühmtes kleines Büchlein den weisen Satz 'Was nützt einem Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist', lauschte auf Chubby Checkers "The Twist" im Radio (was sicherlich nicht sein eigenes war, verfluchter Verblendungszusammenhang der Medien). Marcuse träumte schon davon, wie schön das Fernsehen uns alle beruhigen könnte in Zeiten gärender Revolte.
Das 1947 entwickelte AK47 wurde überarbeitet und als "Awtomat Kalaschnikowa Modernizirowannij" schon wieder ein Kassenschlager, der weltweit Frieden stiftete.
Niemand (=Odysseus) hatte den Plan, eine Mauer zu errichten, niemand sah Engel, niemand wachte. 
Und heute, in der Ultramoderne, bleibt ein verhaltenes Unbehagen, dass man irgendwann den Weg hätte aufhalten können, den die westlichen Gesellschaften einschlagen - und der uns am Ende alle alle glücklich und zufrieden machen wird - wenn wir nur genug Soma bekommen...oder Prozac...oder Fluxetin...oder Lexotanil...oder oder oder...

Die Gegenwart berechtigt uns nicht zur Hoffnung, schon gar nicht zur Hoffnung auf eine Lösung, die wir nicht selber sind.
Doch alles, was ist, fordert uns auf zum Widerstand!

Samstag, 17. September 2011

When the Sleeper Wakes...


Something is Rotten in the State of Denmark.
 - Shakespeare, Hamlet -

Fiat Lux
Genesis 1,3 - (& Léo Malet)

Incoming!!!
Andrew Eldritch -


P.S. Hommingberger Gepardenforelle

Donnerstag, 15. September 2011

Tomiloffs Plan

Sieben Jahre, so erzählt man sich, habe Tomiloff an seinem Plan zur Abschaffung des Dunkels gearbeitet. Er sei zunächst, so sagt man, missverstanden worden – man habe ihm Taschenlampen, Glühbirnen und Kerzen angeboten. Es sei ihm nicht gelungen, das Dunkel zu definieren. 
In einer weiteren Phase verstand man sein Vorhaben metaphorisch. Man vermutete, er wolle sprichwörtlich „Licht ins Dunkel bringen“, nannte ihn einen verspäteten Aufklärer oder rückwärtsgewandten Propheten. Tomiloffs Gesicht, so wird berichtet, ließ in dieser Zeit keine Regung erkennen, eine gewisse Unbeirrbarkeit und Entschlossenheit hätte man jedoch nicht leugnen können.
Tomiloff ließ sich, soviel ist nun bekannt, nicht beirren. Im frühen Januar des vierten Jahres, so hört man sagen, habe er eine erste Apparatur entwickelt, um das Dunkel im Licht des Tages sichtbar zu machen. Gleichzeitig, so weiß man jetzt, entwickelte er eine Maschine, die das Dunkel materiell erfassbar und komprimierbar machte. Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass in einer ersten Phase bis zu 4 Kubikmeter des Dunkels auf die Größe eines etwa 4x4x4 cm großen Quaders geschrumpft werden konnten.
Viele verbargen vieles im Dunkel, das Tomiloff sich anschickte zu minimieren. Es heißt, spätestens an diesem Punkt sei sein Plan auf Widerstand gestoßen.
Vor etwa einem Jahr, dies gilt nun als gesichert, gelang es Tomiloff den Rauminhalt des Dunkels einer ansehnlichen Kathedrale (als Beispiele werden Amiens oder Chartres genannt) auf ein etwa spielwürfelgroßes pechschwarzes Objekt zu komprimieren. 
Heute sieht man allerorten Leute, die das Dunkel preisen, während Tomiloff an dessen Beseitigung arbeitet. 
Vieles wird offenbar werden. Und nur weniges davon ist gut. 
Vieles was im Dunkel noch erträglich war, wird seine hässliche Fratze im Lichte zeigen. Darum, sagt Tomiloff, ging es bei der Entwicklung der Apparatur. Um die Abschaffung des Dunkels.

Mittwoch, 14. September 2011

Gegen den Strich

Nachts, wenn im Dorfe alles schläft, brennt noch das Licht im Chateau de Blog. Man sieht livrierte Diener lautlos gleiten und die Liqueurorgel befüllen, die safrangelben Balsam auf die Zunge träufelt. Über den schweren roten Teppich kriecht unterdessen eine mächtige vergoldete und mit Edelsteinen besetzte Schildkröte. Auf den Wegen im Park wird von dienstbeflissenen Lakaien Kohlepulver ausgestreut und die Brunnen werden mit schwarzer Tinte gefüllt, während der Herr im violetten Samtanzug die Hand um den Knauf des silbernen Stocks schließt und den Blick über das Anwesen schweifen lässt, in Gedanken an die Passagen bei Les Halles, die er als junger Mann durchstreifte.
Die schwarzen Kerzen flackern vom bald schon müden Wind und tief unten in den Kellern ist man damit beschäftigt, die Dunkelheit zu verwalten. Aus den Gewölben dringt Musik an die Ohren des Herrn, der kurz innehält im Gedanken an die Nichtigkeit und lächelnd flüstert:

"I tried to tell her
about Marx and Engels
God and Angels
I don't really know what for
But she looked good in ribbons..."

Sonntag, 11. September 2011

Wittgensteins Leiter

"Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig."

L.W., Tractatus

Vorschlag zum Tätscheln mentaler Prozesse

Die tektonischen Platten meines Bewusstseins
sind quasi Pizzabäcker in der Nacht
Schließlich bin ich es, der gesehen hat,
wie Gott barfüßig aus einem roten Nissan Micra stieg

Meine Ausweisnummer ergibt rückwärts gelesen
die Zahlensequenz ab der 132. Stelle von Pi
Keine Sequenz wiederholt sich  in Pi
Die Chassidim können aus Pi den Namen Gottes errechnen
Aber nur ich weiß, welchen Wagen er fährt

Und das steht nicht in der Kabbala, alle Achtung, Chapeau

Die Rahmenbedingungen des Lebens sind das erste Problem
Und dann kommt die Freiheit und man meint man könnte aber kann nicht oder auch doch

Als philosophisches Experiment No. 1 schlage ich vor
Ein Kleidungsstück tragen, was einem nicht gehört

Als philosophisches Experiment No. 2 schlage ich vor
Etwas essen, dessen Namen man nicht kennt

Als philosophisches Experiment No. 3 schlage ich vor
Ein unbekanntes Tier streicheln

Als philosophisches Experiment No. 4 schlage ich vor
Einer Gewohnheit aus dem Weg gehen

Als philosophisches Experiment No. 5 schlage ich vor
Gleichzeitig trinken und pinkeln

Als philosophisches Experiment No. 6 schlage ich vor
An der Burger King-Theke einen McRib bestellen
(unbedingt insistieren)

Als philosophisches Experiment No. 7 schlage ich vor
Sich eine Sache überlegen, die man in der Welt unbedingt ändern müsste, und sofort (wenn auch nur in kleinem Rahmen) etwas dagegen unternehmen

Als philosophisches Experiment No. 8 schlage ich vor
Auf dem nächsten Tierfriedhof vor einem Grab weinen 

Als philosophisches Experiment No. 9 schlage ich vor
Gläubige: 2 Minuten blasphemisch fluchen, Ungläubige: 2 Minuten ehrlich beten

Als philosophisches Experiment No. 10 schlage ich vor
Eine Mahlzeit ausfallen lassen und sich bei einem großen Glas Wasser Gedanken machen
(dazu bitte auch das iPhone weglegen, das stört!) 

Freitag, 9. September 2011

Islington, September 9th

Zwischen den Buchstaben die Hundepfoten, die trippeln
wo wir wie Eichhörnchenjunge im Hinterzimmer sitzen
und drum würfeln, wer nach draußen muss, um Holz zu holen
und die Nacht fällt
und fällt
einer legt Peter Licht auf und es geht sowas von los
wir fahren den Wagen mitternachts in den Baggersee
wir schwimmen und verschwinden
bis wir finden, was wir nicht gesucht haben
und irgendeiner sieht den weißen Wal von Ferne blasen
und alle wollen immer mehr, aber mehr ist nicht gut
jetzt heißt es Wirtschaftsliberalismus, Freihandelszone undsoweiter
bis dann einer Kaffee macht und alle sitzen ganz betreten da
und schauen in die Ferne, als wär der Horizont bedruckt
mit irgendwas nur mittelmäßig Niederschmetterndem
wie z.B.
weniger ist die Lösung
die Erlösung
bis ich dann sehe, dass er es wieder nicht lassen kann
und Cut-ups macht, die auf den Tischen die Buchstaben mischen
jetzt mal konkret
ihr habt doch verstanden, was ich meine
das ist direkt so, als würd' sich ein weißer Hase mit einem Schraubenschlüssel in einen Kreis setzen und behaupten, er hätte von nichts gewusst

ich hatte mal einen Hasen, der hieß Ahab
und so hieß er bestimmt nicht, weil er ein Holzbein hatte
ne meine Lieben
so hieß er, weil er die Harpune küsste,
die hier in meinen Händen ruht


http://www.youtube.com/watch?v=d3WRxgWUVAA

Donnerstag, 8. September 2011

The Turn of the Screw

An der Wand neben dem Fenster hängt ein weißes Plastikschild: „Das Öffnen der Fenster ist aus Gründen der Raumklimaregulierung verboten. Der Rektor“
Es ist geschickt angebracht, ich habe es noch nie entdeckt, erst jetzt, wo meine Hand sich anschickt, den messingfarbenen Griff des Fensters zu berühren, fällt mein Blick darauf.

Mittwoch, 7. September 2011

Make Love, not War !


There is no path to peace. Peace is the path. [...]
I cannot teach you violence, as I do not myself believe in it. I can only teach you not to bow your heads before any one even at the cost of your life.



Mahatma Ghandi

Dienstag, 6. September 2011

Der kommende Aufstand

"Es gibt keinen Grund mehr zu warten – auf eine Aufheiterung, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern was da ist. Wir verorten uns bereits jetzt in der Bewegung des Zusammenbruchs einer Zivilisation. Dort ist es, wo man Partei ergreifen muss.

Nicht mehr zu warten heißt, auf die eine oder andere Weise in die aufständische Logik einzutreten. 

Es bedeutet, aufs Neue das leicht erschreckte Zittern in der Stimme unserer Regierenden zu hören, das sie nie verlässt. [...] [J]eder Akt des Regierens ist nichts als die Weise, die Kontrolle über die Bevölkerung nicht zu verlieren.
Wir gehen aus von einem Punkt der extremen Isolation, der extremen Ohnmacht. Alles ist aufzubauen im aufständischen Prozess. 

Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger."

Comité invisible / Unsichtbares Komitee:
L'insurrection qui vient / Der kommende Aufstand
2007 / 2009



Zur Erläuterung: Der kommende Aufstand ist ein politischer Essay, der in Frankreich zum Bestseller wurde. Die Analyse der politischen Situation wird selbst in der bürgerlichen Presse überraschenderweise gelobt, kritisch sind selbstverständlich die vorgeschlagenen 'Lösungen' zu sehen. 

"Die Autoren sind ein namenloses Kollektiv, was nicht verhindert hat, dass das Buch glänzend geschrieben ist. Das schmale Werk, das im Original den Titel „L'insurrection qui vient“ heißt, könnte das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit werden." (FAZ, 08.11.2010)


Montag, 5. September 2011

Uhrwerk Banane

"Ich habe keine Ahnung wie das Böse in die Welt kam", beteuerte der schmächtige Filialleiter mit der Kinderuhr. "Wirklich, er weiß es nicht!", flehte die sonst so diplomatische Assistentin.
"Sie haben nicht ein malenki bisschen Ahnung, meine lieben Droogs", wandte sich Alex mit tiefbetrübter Miene an die Jungs, die Hand auf den Stock gestützt, das Auge blitzend unter der schwarzen Melone.
"Sollen sie doch mal ein urs Denki Denki machen bis der Gulliver brummt", grinste Pete, auf seiner Lippe noch eine Spur Moloko Plus aus der Korova Milchbar.
"Aber", flüsterte Alex verschwörerisch, "was ist, wenn die beiden" - er lupfte kurz seine Kopfbedeckung - "maltschik sind im Gulliver? Wenn die Rasoodocks es nicht mehr tun?" Abwesend betrachtete er für einen Augenblick einen winzigen Blutfleck im Stoff seiner weißen Hose. "Sollten wir ihnen dann nicht mit dem guten alten Ludwig van den Weg weisen? Damit sie lernen, zu sluschen und nicht mehr ohne Grund so puchlig glasen." Selbstvergessen dirigierte Alex - poco sostenuto - den Beginn der 7. Sinfonie in die kühle Abendluft. Seine Droogs fassten die Stöcke fester; die Gesichter voller Vorfreude auf die Versprechungen der nahen Zukunft riefen sie "Righty right!"

Dienstag, 30. August 2011

Empire down

i hear the roar of a big machine
two worlds and in between
love lost and fire at will
dum-dum bullets and shoot to kill
i hear dive, bombers
and
empire down
empire down


(sisters of mercy: lucretia, my reflection)

Donnerstag, 25. August 2011

erklärung vom 25. august 2011

am donnerstag, den 25. august 2011 hat das kommando arno schmidt die köpfe der behörde zur verwaltung von wissenschaft und lehre entführt. für die verdummungsstrategen soll diese stadt kein rückzugsort sein. sie müssen wissen, dass ihre vergehen an geist und forschung nicht ungesühnt bleiben.
ab dem 27. august wird das kommando mit der lauten lektüre von „die welt als wille und vorstellung“ beginnen, bis die beschuldigten den verblendungszusammenhang aus macht und missbrauch erkennen.

betätigt die gehirne
vernetzt die neuronen
enteignet die feinde des geistes

kommando arno schmidt

Montag, 22. August 2011

Das Institut

In  völliger und dauernder Demut senkte K. sein Haupt vor dem Institut. Hatten ihn in früheren Jahren noch Zweifel geplagt, wurden diese mit jeder Maßnahme des Instituts farbloser, nichtiger, verflüchtigten sich. Hier war das Wort zugleich Tat – und die Tat war gut.
Niemals nahm das Institut Entscheidungen vorweg, die durch eine Wahl der Untergebenen nicht ebenso entschieden worden wären. Nur Spötter zweifelten an der unendlichen Weisheit und Gerechtigkeit des Instituts.
Es war und ist Arbeitsgrundsatz des Instituts, dass mit Fehlermöglichkeiten überhaupt nicht gerechnet wird. Dieser Grundsatz ist berechtigt durch die vorzügliche Organisation des Ganzen, und er ist notwendig, wenn äußerste Integrität der Handlung erreicht werden soll.
Das eigentlich Charakteristische des Instituts, so war sich K. mehr und mehr sicher,  ist seine Unvergänglichkeit. Das Institut, so wusste er schließlich, ist die unverbrüchliche Wahrheit selbst. 

Montag, 15. August 2011

Verlustgeschäft, Malewitsch!

Wir haben die Namen an Wände geschrieben, mit immer derselben Feuerfarbe, mit immer derselben Geste. Wir haben Worte zu Worten gemacht, aus hellen Buchstaben nichts als Dunkelheit.
Wir haben die Todeskandidaten befragt nach ihren Wegen und haben sie doch nie finden können, wir haben alles gemacht wie es auf Seiten steht und vielleicht irrten wir uns im Licht; Alles war Gegenstand, nichts als Dinglichkeit.
Und sie haben die gigantische Maschine eingeschaltet im ersten Morgenrot. Der Planet hat sich bewegt wie lebendig, hat seiner Oberfläche Richtung gegeben...und alles, alles war falsch.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Tja

Alles durchschaut haben und dennoch am Leben bleiben -
es gibt keinen unmöglicheren Zustand.


Emil M. Cioran

Mittwoch, 20. Juli 2011

Methodisch angelegte Untersuchungsanordnung

Mit den gleichen Suchworten finde ich bei Google als erste drei Treffer einen Text von Spinoza, einen Text von Hegel und die Montageanleitung der „Surfbretthalterung für ein Hubdach“ (was auch immer ein Hubdach sein mag).
Gesucht habe ich etwas zum Sein des Dings, zum Wesen des Seienden und der Unterscheidung der Dinge von Nicht-Dingen. - Ist es möglich, dass die Surfbretthalterungsanleitung ein hermetischer Text ist, der Spinozas Ethik und Hegels Logik der Wissenschaft in nichts nachsteht? Und steht dies möglicherweise in Zusammenhang mit einem Ereignis, das kaum gefeiert wurde, aber dennoch für sich gesehen recht erstaunlich ist (Ergebnis Nr. 4): ein in Gefangenschaft aufgewachsener Eisbär löst Rubic’s Cube (den Zauberwürfel aus den 80ern).
Der nächste logische Treffer: „Kein Ding der Welt liegt außerhalb des Bereiches der Vorsehung.“ – und dieses Leben, da bin ich mir plötzlich ganz sicher – ist doch nur ein Experiment.

Samstag, 16. Juli 2011

Naive Vorstellung von der Veränderung der Weltordnung

Oh Du höheres Wesen, das wir verehren,
zur Veränderung der bestehenden Weltordnung schlage ich (1.) die Entfernung jedes Lebewesens von diesem Planeten vor, das regelmäßig mehr als 666$ (bzw. Währungsequivalent) verdient und/oder eine Feuerwaffe besitzt. Die restlichen Humanoiden sollten dann (2.) jeweils mit ihrem engsten Sozialverbund (Familie) auf der Oberfläche dieses Himmelskörpers wild durcheinandergewürfelt, also quasi deterritorialisiert, werden.

Nur ein kleines Experiment - wenn ich morgen futsch bin, weiß ich, dass Du mal was versuchst...

P.S. Der Geldbetrag ist durchaus ein kniffliges Problem. An dieser Stelle muss darüber entschieden werden, ob die sog. 1. Welt komplett entfernt oder rudimentär erhalten wird.

P.P.S. Ein herzlicher Gruß, geht, die Anrede hat es bereits deutlich gemacht, an den lieben Dr. Murke!

Freitag, 15. Juli 2011

Civil Disobedience

»Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es dich zwingt, einem anderen Unrecht anzutun, dann, sage ich, brich das Gesetz. Mach dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. […] Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit, unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.«

H.D.Thoreau, Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat, 1849

Donnerstag, 14. Juli 2011

Wertung

Was läuft eigentlich falsch, wenn die Politik vor privaten Ratingagenturen zittert? Wenn ein ccc von Fitch oder Moody's bedeutet, dass man den Laden bald dicht machen kann, sollte man nochmal über Machtverhältnisse und den Kapitalismus als solchen nachdenken.
Die Presse könnte doch vielleicht allen einen Gefallen erweisen und nichts mehr über diesen Mist schreiben. Könnte man die ganze Rating- und Berater-Mischpoke nicht generell aus dem Diskurs aussperren - statt sie durch die verstärkte Berichterstattung zu ermächtigen? Egal ob AQAS, Fitch, McKinsey - am Ende sitzen da immer Menschen, meist nicht besonders kompetent, eher Generalisten, die viel Geld mit ihren intendierten Fehleinschätzungen verdienen. Und ein System manipulieren - weil man sie lässt.

Montag, 11. Juli 2011

Platung ! ! !

Jemand schreibt in einer Klausur durchgängig Platon als "Platung" (also lautmalerisch etwa das Geräusch, was entstehen könnte, wenn man einen harten Philosophenschädel in einen ausgetrockneten Brunnen würfe).
Daran, dass Mimesis nur eine "Memmsis" (also was für Memmen) ist und ein Plagiat ein "informativer Aushang" (erst jemand anderes hat mich darauf gebracht, dass es wohl mit einem "Plakat" verwechselt wurde), hab ich mich ja fast schon gewöhnt - aber bitte reserviert mir trotzdem schon mal einen Platz im Heim. Genau in dem Raum, wo die anderen Dozenten mit Neigung zu Hospitalismus bereits rumschaukeln.

Samstag, 30. Oktober 2010

Seit 4000 Jahren die gleichen Probleme...

Leute, die Bücher ausleihen, gehen oft nicht besonders pfleglich damit um. Bibliophilen Bibliothekaren macht das seit langer Zeit zu schaffen, wie diese 4000 Jahre alte Keilschrift-Inschrift auf der Rückseite einer Schrifttafel beweist, die wohl in einer sumerischen oder babylonischen Bücherei zu leihen war:

"Wer diese Tafel bricht oder sie ins Wasser legt oder auf ihr herumschabt, bis man sie nicht mehr entziffern und verstehen kann, den mögen Assur, Sin, Shamash, Adad und Ishtar von Bit Kidmurri, die Götter des Himmels und der Erde und die Götter Assyriens mit einem Fluch strafen, der nicht mehr getilgt werden kann, schrecklich und gnadenlos, solange er lebt, und sein Name, seine Nachkommen sollen vom Land hinweggefegt und sein Fleisch den Hunden zum Fraß vorgeworfen werden."

Mittwoch, 28. Juli 2010

INCEPTION - Hab ich einen anderen Film gesehen?

Überall lese ich nur Lobpreis auf Nolans neue Fingerübung namens INCEPTION. Und ich verstehe das einfach nicht.
Was ich gesehen habe, war eine pseudopsychologisch aufgeblasene Luftnummer, die durch ein paar Verschachtelungen, also diverse ineinander gesetzte Binnenerzählungen, Komplexität vortäuscht, wo nur Action ist.
Die Surrealität des Traums wird kaum bebildert (außer den paar "städtebaulichen" Tricks, die allerorten als großartig angesprochen werden), die Figuren sind papierdünn (eben flat characters, kaum eine Figur, die mehr als eine Eigenschaft verkörpert) usw. Das ständige Aufzugfahren zur Darstellung des Weges ins Unterbewusste (was man besser Unbewusstes genannt hätte), die Banalität der Aufgabe, die das Team "dort unten" zu erledigen hat... Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Schön sind allenfalls die Bilder, die Träume sind fantasielos.
Bleibt mir nur, nochmal FOLLOWING oder MEMENTO anzuschauen: Ganz großes Kino!

Sonntag, 18. Juli 2010

Mutanten



Gifhorn, gegen Mitternacht: Von Untoten umringt, flüchtet unsere versprengte Gruppe durch den Wald. Später geht es darum, jemanden zu opfern, um zu entkommen. Die Wahl fällt auf mich. Zuletzt nimmt man mir meine Taschenlampe ab und überlässt mich der blutrünstigen Meute...

Zwei Stunden zuvor: Igor Mortis und Checkmate brechen zusammen und spucken Blut. Infektionen! Ob wir es mit Mutanten oder Zombies zu tun haben ist noch nicht klar. Auf der Suche nach einem Antidot schlagen wir uns durch das Unterholz, in der Ferne schreien die Infizierten...

Samstag, 1. Mai 2010

"Holt sie euch zurück!"

Zeit für einen kleinen Literaturtipp. Höre gerade das 'freie' Hörbuch "Little Brother" von Cory Doctorow, veröffentlich unter Creative-Commons-Lizenz, also frei und legal zugänglich, mittlerweile auch auf Deutsch als Ebook und Audiobook. Sozusagen eine Dystopie 2.0, die vom Schwinden der Freiheit im internettigen Überwachungsstaat erzählt, von Informationssammlern, Datenkraken und der Einschränkung der Bürgerrechte in den westlichen Gesellschaften, die - und das trifft ja leider auch bereits jetzt zu - einmal Demokratien waren.

Obwohl Zukunftsvision ist "Little Brother" ziemlich nah am Jetzt. Die Mechanismen waren ja schon immer die selben: Medial erzeugte Angst wird zur Begründung für staatliche Maßnahmen, die die Freiheit des Einzelnen aushebeln, und wer ein guter Bürger ist hat ja nichts zu verbergen... oder wie Google-CEO Eric Schmitt formuliert: "If you have something that you don't want anyone to know, maybe you shouldn't be doing it in the first place" - ja, diese Auffassung ist erschreckend!

Dankenswerterweise wird im Buch dann auch die Parallele gezeigt zwischen den (Überwachungs-)Maßnahmen des Staates gegen die Bürger in verschiedenen Jahrzehnten und historisch-politischen Kontexten (Hippies, 68er, Digital Natives usw.).

Kurze Zwischenfrage: Warum existieren eigentlich immer noch fast alle Überwachungsgesetze, die damals beschlossen wurden, um die RAF zu lokalisieren? Und was davon unterscheidet sich funktional eigentlich vom Patriot Act? Der Online-Durchsuchung? Dem Bundestrojaner? RF-ID Chip im Ausweis, usw. usf.

Angst vor imaginären Terroristen? Das sind medial konstruierte Bedrohungsszenarien, die nicht viel mehr als ein Begründungshintergrund sind. - Aber es funktioniert: 2007, im Erscheinungsjahr des Romans von Doctorow, hatte laut Umfrage einer Versicherungsgesellschaft fast jeder zweite Angst vor einem Terroranschlag - die am schnellsten anwachsende Angst der Deutschen. Zum Glück getoppt von der Angst vor steigenden Preisen. :-)

Wie auch immer: "Little Brother" ist ein spannend geschriebener, einigermaßen klarsichtiger Roman, der auch in Bezug auf die eingesetzte Technologie nachvollziehbar ist und zeigt, wohin die Reise geht.

Hier geht's zum Download:
http://www.loadblog.de/hoerbuecher/cory-doctorow-little-brother-als-horbuch-und-ebook-kostenlos-downloaden/

P.S. Warum haben eigentlich so wenige von uns bisher etwas von ELENA gehört? Obwohl Millionen von dieser Überwachung betroffen sein werden...

P.P.S. Man sollte einen der kommenden Ausweise auf keinen Fall für 30 Sekunden in die Mikrowelle legen, dann würde der RF-ID Chip funktionslos. Zum Glück behielte der Ausweis aber weiterhin seine Gültigkeit.

Samstag, 10. April 2010

Es war einmal...

...da ging ich nächtens durch den Park und tippte Dinge in mein Handy, allein um eine Android-Blogger-App zu testen, derweil die Hündin rastlos um mich zirkulierend harmlose Radfahrer für sonnenbebrillte faschistoide Terroristen hält, die es in ihren jeweiligen Dachsbau zu treiben gilt. Technologie ist eben immer eine Sache des Missbrauchs, sagt sie und schaut mich altklug an. Recht hat sie!

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Keinerlei Initiationszeremonien. Besser so.

Am 11.01.2010 geht's los: Das von Marvin Kleinemeier organisierte Lektüreprojekt zu Roberto Bolaños Roman Die wilden Detektive (1998) startet auf www.wilde-leser.de.

Bitte reinschauen! Und am besten mitlesen und mitdiskutieren. Auf ins Abenteuer, ins Dunkle, den unbekannten Raum zwischen den Wörtern...

Bleibt mir, allen die hier lesen, eine gute Weihnachtszeit zu wünschen. Passt auf euch auf! Und macht mir keine Fisimatenten :-)

Montag, 9. November 2009

Schneeflöckchen

Wenn es doch nur mal schneien würde. Ganz leise schneien. Die Welt unpassierbar, in den Seen eingefrorene Fische. Und ich würde meine Möbel verbrennen, in einem einzigen Zimmer wohnen, jeden Morgen neue Eisblumen auf den Fensterscheiben. Endlich mal Perecs "La Disparation" lesen, auf Deutsch, weil ich natürlich zu faul bin es im Original zu genießen - und ja, ich weiß, dass mir da ungefähr eine Million ganz fantastische sprachliche Feinheiten entgehen. Aber die Hauptsache fiele mir auch in der Übersetzung auf - das fehlende "e", ein ganzes Buch ohne "e". Wie muss das den Übersetzer in den Wahnsinn getrieben haben.
Vielleicht sollte ich auch ein Leipogramm schreiben, hätte ich ja Zeit dazu, wenn ich völlig eingeschneit wäre. Vielleicht sollte ich mir zum Hund dann noch ein paar andere und einen Schlitten anschaffen. Könnte ja dann während der Schlittenfahrt ewig lange Leipogramme verfassen. Oder den Hunden beibringen, Buchstaben in den Schnee zu laufen. Und abends könnten wir uns bei den warm brennenden Möbeln arktische Geschichten erzählen. Aber wie lange würde das Mobiliar vorhalten? Und der Schnee? Und die Worte?

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Viele

Semesteranfang, alles überfüllt, kein Platz nirgends, schon gar kein Sitzplatz. Mehr als 300 Leute melden sich an für mein Seminar zum Thema "Suizid und Literatur". Das ist doch deprimierend. Da will man doch nicht hingehen, schon gar nicht im Winter.
Da ich als Dozent im Online-System die Teilnehmerzahlen der anderen Seminare nicht einsehen kann, leihe ich mir - ganz konspirativ - einen Studi-Login - und siehe da, es gibt sie, die Perlen der Einsamkeit. Seminare mit 2 (in Worten: zwei) Anmeldungen, oder auch 4 oder auch 8. Warum soll denn ich, ganz Sisyphos, den Stein allein den Berg hinauf rollen, ihr Lieben? Ich hab sieben Seminare mit durchschnittlich mehr als 100 Studierenden = 700+ Studierende.
Soll denn nicht der eine die Last des anderen schultern? - oder sollte ich lieber sagen: "Sie säen nicht und ernten doch."

Freitag, 18. September 2009

Lustiger als Shandy...

Mal ernsthaft! Die Komödien von Plautus, sowas hat man ja noch nicht gesehen. Zum Totlachen, das. Terenz ist fast noch besser. Schade, dass von Naevius nichts mehr zu lesen ist.
Da erzählte mir doch einst jemand, er käme aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, wenn er den Shandy läse, den echten, originalen Shandy - ein Buch für den Nachtisch. Aber halt: Da liegt ja schon die Minima Moralia, auch so total superlustig und zum Wohlfühlen - mit allem pipapo. Und geraucht haben die damals, du glaubst es nicht.
Die Diskussionen mit Adorno aus den Sechzigern werden echt zu selten wiederholt im Fernsehen, vor lauter Qualm kann man den T.W. gar nicht mehr sehen.
Fällt mir ein: Dieses Jahr gibt's, wie alle Jahre, wieder den wundervollen Theodor.W.Adorno-Lookalike-Wettbewerb in Berlin. Will ich jedes Jahr hin, schaffe es aber nie. Bin zu müde vom Shandy-lesen. Da kann ich nämlich gar nicht so irre drüber lachen, wie man immer sagt.
Und was mich doch immer wieder beschäftigt: Der Gebrauch der Freiheit. Das ist vielleicht das Denkproblem, was allen anderen vorgeschaltet ist. Der Gebrauch der Freiheit.

Heißt das nicht auch: Verschwenden aller Möglichkeiten, Nicht-Realisieren der Optionen.

Und was hat das mit den römischen Dramatikern zu tun? Ich weiß es nicht. Das Nicht-Festhalten der Gedanken ist vielleicht der beste Umgang mit dem Ganzen. Sie schwimmen vorbei. Catching the big fish. Und je tiefer wir ins Wasser tauchen, desto größer sind vielleicht die Fische.

Der Gebrauch der Freiheit.
Ja, was zum Teufel fängt man damit an?!

Donnerstag, 6. August 2009

K a f f e e * B W V 2 1 1

- „Sag mal, kann ich die Musik was leiser drehen?
- „Nur zu, nur zu.“, nickte er.
Seit Tagen hörte er diese Platte, er hatte sie irgendwo auf dem Trödel erstanden, ich hatte darunter zu leiden. Nicht, dass sie schlecht gewesen wäre, nein. Aber drei Tage sind ein großer Teil des Lebens, drei Tage mit dieser gottverdammten Platte im Ohr. Zwischen den Songs konnte ich seine Stimme hören, wie sie von Afrika erzählte. „Äthiopien is’n riesiges Land.“, sagte er und nickte sich selbst bestätigend zu. „In Äthiopien kam irgendwer auf die Idee die Bohne zu rösten.“
Ich konnte es nicht mehr hören. Ich konnte seine Ausführungen zu den Brühverfahren und zur idealen Rösttemperatur (ja, ja, irgendwo im Niemandsland zwischen zweihundert und zweihundertzwanzig Grad Celsius) kaum mehr ertragen. Dabei war er nicht einmal betrunken.
Ich stand auf und drehte die Musik 'ne Nummer leiser. Puh, diese Nächte.
- „Der Orient und Mekka. Alles wichtige Stationen.“, deklamierte er am Fenster stehend, in seiner Hand die Tasse.
- „Weißt du“, sagte ich, „ein paar Marotten hast du, ehrlich.“

M u t a b o r

Die Tage zerschnitten in winzige Abschnitte, Altersvorsorge bedenken, so viel wie möglich kalkulierbar machen, sich endlich ein Uhrenarmband in der richtigen Größe kaufen, die Waschmaschine anstellen, das Weinlaub zurückschneiden, den Ölstand kontrollieren, das Leben den Produkten anpassen, beinahe nie mehr rauchen, die Mittelstreifen der ausgefahrenen Straße nachziehen, seine Habseligkeiten verstauen, zwei mal im Jahr in Urlaub fahren, Sachen vorschnell wegwerfen, die man scheinbar nicht mehr braucht.

Und die Traurigkeit ist so substanzlos, so ohne ersichtlichen Grund, dass ich nichts in ihr sehen kann als eine zufällige Regung, die über mich kommt wie ein lästiger Schluckauf. Man denkt, man gewöhne sich daran mit der Zeit, man denkt, wenn es keinen Grund gibt, gibt es auch keine Traurigkeit, und eben wenn man alles durchdenkt ist sie da, setzt sich zu mir, setzt sich auf mich, setzt sich in mich.

Die Vögel ziehen ihre Ellipsen vor meinem Fenster, es beginnt zu dunkeln, die Silhouette des Dachfirstes bleibt als exakte Linie am Horizont stehen, davor die Schatten der Flügel, die Schatten der Schnäbel.

Dienstag, 16. Juni 2009

Spiegelstadium

Im Sommer hingen die Bauern Streifen aus Aluminiumpapier in die Bäume, um diebische Vögel zu vertreiben. Im ersten Jahr blieben sie fern, im zweiten beobachteten sie argwöhnisch, im dritten wagten sie sich heran, im vierten amüsierten sie sich darüber und erblickten an windstillen Tagen ihr Spiegelbild voll Erstaunen in dem Metall.

Heiligenstadt, 6ter Oktober 1802

Ludwig van Beethoven hat nach der Ertaubung seine Gespräche mit dem Stift in Konversationshefte gekritzelt. Darum weiß man, dass er zuweilen ein sehr unfreundlicher Mensch sein konnte. Mich hatte das nicht gewundert. Vielmehr hatte mich gewundert, dass auf diese Weise Teildialoge entstanden sind, die in ihrer Kürze und Schärfe nie zuvor auf dem Papier festgehalten worden waren. – Die Konzentration ist eine seltene Kunst. Das versammeln aller Kräfte auf kleinstem Raum.

Vor kurzen las ich, dass man nach Piet Mondrians Tod nur sieben Bücher in seinem Atelier fand. Das scheint mir bewundernswert. – Auf eine bestimmte Weise hat auch hier eine Konzentration stattgefunden.

Der Abend fällt durchs Fenster, das Dämmerlicht umgibt den Körper, der in angenehmer Temperatur weder Hitze noch Kälte empfindet. Das alles ist eine Webarbeit, eine Arbeit mit der Materie, die ich in Berührung nicht fassen kann, die jedoch in Bewegung erfahrbar wird. Kein Geheimnis umgibt dieses unperfekte Perpetuum Mobile, sondern nur das schwindende Licht, die Abwesenheit von jeglicher Erfahrung, die Abwesenheit eines Planes.

Und auch die Sätze sind auf eine helle Weise Ohren, die nicht nur aus der Welt nehmen, sondern auch in sie hinein stehen. Das zu begründen fällt leicht.
In der Dunkelheit existiert der eigene Körper nur als Gefühl, als unzerstörbares Ganzes. Das ist tröstlich und schützt vor der Angst. – In mancher Musik wird die Präsenz eines anderen Körpers spürbar. Plötzlich und ganz unmittelbar. Diese Erfahrung ist wie ein Wunder. Es bleibt ohne Ankündigung und ohne Beweis.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Denk mal an

"Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt aus dem Nichts hervor, die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus Nichts."
G.F.W.Hegel

Mittwoch, 27. Mai 2009

Wie wahr

Wir suchen überall das Unbedingte,
und finden immer nur Dinge.


Novalis, Blüthenstaub

Sonntag, 10. Mai 2009

Nicht-Verstehen und Geheimnis

Geht es der Romantik vielleicht allein um das Wieder-Einholen, das narrative "Fingieren" und wieder In-Besitz-Nehmen der Kindheit? Ist das ganze Mittelalter als idealisierte Vorzeit, als goldenes Zeitalter, nicht einfach Abstraktion der Kindheit, als Drachen und Ritter noch denkbar, vielleicht sogar sinnlich erfahrbar waren? Ist Novalis’ ‚Herzreligion’ nicht der – auf hohem theoretischen Niveau revitalisierte – naive Kinderglaube, der alles wieder heil macht? Und Eichendorff: Geht es ihm mit seiner idealisierten Natur, seinem 'Waldesrauschen' voller pantheistischer Allusionen, letztlich nicht vor allem darum, den wunderbaren Möglichkeitsraum der Kindheit wieder zu erwecken – und das Kind, anknüpfend an Herder und Rousseau, als den „natürlichen“ Menschen zu begreifen?

Bleibt noch E.T.A. Hoffmann: Das Monster unterm Bett, der teuflische Hausgast – sind das nicht kindliche Angstfantasien? Dunkle Träume des kleinen Ernst, weswegen er seine Füße flugs unter die Bettdecke zieht, wenn die Mutter des Nacht das Licht löscht?


Ist die Poetologie der Vermischung und Potenzierung des ästhetischen Raumes durch die Sprache nicht das kindliche Fantasieren, das wilde Denken, das Aufheben der Schranken, die Basis der kategorialen Welt der Erwachsenen sind?

Ist dann die Verzauberung der Welt nicht allein das vom kindlichen Nicht-Verstehen produzierte Geheimnis? Sehnen wir uns nicht alle nach einer Welt, die nicht vollständig logisierbar, nicht durchweg intelligibel ist, und die uns dennoch nichts anhaben kann?

"Aber", sagt da plötzlich jemand, "so ist die Kindheit doch gar nicht".

Dienstag, 5. Mai 2009

Celebrity Deathmatch: Determinismus vs. Freiheit

Kein Gott über uns und alle Verantwortung in unseren Händen - wir sind Menschen. Wir entscheiden, wir sind frei, wir können uns nur selbst trösten oder richten. Was geschieht, wird von uns gemacht - sinnlos, sich dem zu entziehen, sinnlos, sich zu berufen auf höhere Mächte, metaphysisches Geschwurbel usw.
Wir können zu jeder Sekunde entscheiden, können uns zu jeder Sekunde dagegen entscheiden.

Im Gespräch mit einem Freund sagte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre einmal: „Liebe ist nichts großes, nichts allmächtiges oder wunderbares. Sie ist genau das, was wir aus ihr machen. Der Freund versuchte daraufhin ihn vom Gegenteil zu überzeugen, ihn mit weit ausholenden Gesten von der Größe der Liebe zu überzeugen - was ihm nicht gelang.

Ich glaube, er hat nicht wirklich zugehört.
Liebe ist genau das, was wir aus ihr machen.“

Samstag, 25. April 2009

Sein und Zeit :-)

Auch wenn die Zeit keine Konstante ist, so ist sie doch nicht umkehrbar, und im Zurückblicken kann man nichts verstehen, man kann nur etwas anderes verstehen.
Zuweilen versucht man, einen Zusammenhang zu konstruieren, Linien zu ziehen, um etwas neuerlich aufzurollen. Man findet Gründe für Entwicklungen, für Veränderungen, aber man ist jemand anderes, man ist nicht geblieben. Man steigt eben nie ein zweites Mal in den selben Fluss...

Und wenn schließlich doch alles folgerichtig erscheint, wenn doch alles irgendwie passt und Kausalitäten offenbar werden, sollte man nicht der Illusion erliegen, dass unsere Identität vor allem unser eigenes Projekt sei.
Auf der Suche nach Sinn erzählen wir uns unser Leben als Geschichte, als wohlgeformte Narration, als Fiktion. Wir schaffen Kohärenz, glätten die Widersprüche, entspannen den Widerstreit - und retten uns damit vor dem Eindruck, dass wir die Sache letztlich doch nicht in der Hand haben, dass wir anrennen gegen eine Wand, die höher ist, als unser Denken.

Für den Abend hat man Gewitter angesagt, doch ich sitze in der Sonne; drinnen köchelt das Chili, der Hund liegt faul auf der Seite und zieht die spitze Schnauze kraus. Ich versuche in Dir zu lesen, versuche zu verstehen - bis mir auffällt, dass ich nur ein einziges Wort zu denken brauche: Jetzt!

Mittwoch, 22. April 2009

Und manchmal sogar...

Es gibt keinen Grund wegzulaufen, man ist immer da, immer bei sich. Es gibt eine Person, die man nicht verlassen kann, die einem durch den Regen folgt, mit den selben schnodderigen Schritten, mit dem selben hochgeschlagenen Mantelkragen, mit den selben Augen.

Es gab mal eine Zeit, da sickerte Zufriedenheit ein, alles war von ihr bedeckt, nein, es war kein Glück, auch kein kleines, es war Zufriedenheit; das ist das Gegenteil von Abenteuer, es war in etwa so, als akzeptiere man endgültig, als arrangiere man sich, mit sich, der Welt, den anderen. Es ist betäubend auf diese Art zu sein, aber es lässt einen lächeln, sich zurücklehnen, es läßt einen in Ruhe. Sterben.

Im Moment bin ich nicht zufrieden. Und manchmal sogar glücklich.

Montag, 20. April 2009

Spuren

Auf dem hellen Teppich, an den weißen Wänden fängt sich kein Schatten, alles bleibt ruhig, und ich frage mich, ob man Jahre des Lebens ebenso aus Räumen tragen kann, wie Möbel, wie Gegenstände und Apparate. Vielleicht bleibt nur ein winziger Fleck auf der Auslegeware zurück und erzählt von einem umgekippten Weinglas, von einer Feier, bei der liebe Freunde in die Badewanne kotzten, um sich dann peinlich berührt zu verabschieden.
Man sollte seine Erinnerungen in die neue, unbelebte Wohnung übertragen, einen Weinfleck an ähnlicher Stelle machen, hier und dort mit einer Zigarette eine Anekdote in den Boden brennen, einen kindlichen Wunsch in die Holzverkleidung des Küchenschrankes ritzen und sich vormachen, man hätte eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt. Denn wie wohltuend ist es, nach zwanzig Jahren in der Oberfläche seines Schultisches noch immer die unauslöschlichen Initialen einer ersten Liebe zu erblicken.
Man sollte sich nicht von den Gegenständen anschweigen lassen.

Sonntag, 19. April 2009

Idealistisch-subjektivistischer Ansatz

"Merke auf dich selbst: kehre deinen Blick von allem, was dich umgibt, ab und in dein Inneres - ist die erste Forderung, welche die Philosophie an ihren Lehrling tut. Es ist von nichts, was außer dir ist, die Rede, sondern lediglich von dir selbst." - J. G. Fichte

Muss ich nochmal drüber nachdenken...
...oder Novalis befragen; der schreibt in den Blüthenstaub-Fragmenten:

"Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. - Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft."

Donnerstag, 16. April 2009

Theoretisches Stadium

Die Balance meiner Tage ist manchmal ein wenig empfindlich. Darum bin ich dankbar dafür, dass der Hund ruhig schläft, im Traum seine Pfoten zappeln lässt und mir zeigt, dass die meisten Dinge ganz einfach nicht besonders wichtig sind.

Es geht darum, sich zu konzentrieren; darum, ein stilles, leidenschaftliches Leben zu führen.

Dann der Versuch: Einen Spielstein umstoßen auf der Oberfläche der Zeit. Ein wenig Geduld. Darauf achten, wie es funktionieren könnte. Mit den Händen in den Hosentaschen, mit ausgestreckten Fingern im Innenfutter der Hose.

Doch ein Ich, das sich selbst observiert, kann keine zuverlässigen Aussagen über den Gegenstand seiner Beobachtung machen. Die Naturwissenschaftler haben dies erst spät gefolgert, auch wenn ihr Gegenstand der Beobachtung ein anderer war. Kein Ich. Kein geschlossenes System.

Und der Hund hebt den Kopf, schaut mich ein wenig mitleidig an und sagt: „Na, das theoretische Stadium hast du aber noch lange nicht hinter dir...“

Ich und Welt


Es ist nicht gut. Es ist nicht gut, seine Nächte am Rande der Stadt allein in einem Garten zu verbringen und sich einzubilden, man röche den Wald von ferne.

Es ist nicht gut, die Große Fuge zu hören und sich dabei mit kaltem Weißwein zu betrinken, es ist nicht gut, sich allein zu betrinken, sich zu versichern, dass man sich dabei wohl fühle. Die Große Fuge, ehemals der letzte Satz des Streichquartetts Op. 130, nun allein, hintenangestellt, groß und mächtig, schneidend, sperrig.

Im Haus ist es zu warm, darum sitze ich draußen. Dort ist es still, darum höre ich die Fuge. Ich habe Durst, darum trinke ich den Wein.

Ich bleibe zurück auf dem groben Holzstuhl, dem ich schon fast meinen eigenen Namen gebe, dem Stuhl aus meiner Küche, dem Stuhl, den ich überall mit hinnehme, damit ich einen Platz habe in der Welt. Das Dunkel senkt sich, durch die Büsche kann ich Lichter erspähen, Lichter von Menschen.

Doch kann man ihnen ferner sein, als beim Hören dieser Musik?!

Irgendwer schrieb, in der Großen Fuge sei "der Gegensatz zwischen Ich und Welt überwunden". Für mich ist sie das genaue Gegenteil: der Musik gewordene Gegensatz zwischen Ich und Welt.